Bauers Depeschen


Montag, 25. Februar 2008, 120. Depesche



Neulich habe ich im Sportteil der Stuttgarter Nachrichten über die Marathonläuferin Doro Frey aus Leonberg geschrieben. Die Spitzenathletin ist vor zwölf Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Weil der Bericht auf einiges Interesse gestoßen ist, jetzt auch als Depesche:



"DIE BEINE WAREN JA IN ORDNUNG"

Zum ersten Mal redet die Maratholäuferin Doro Frey über ihre Krankheit



Früher Abend, wir sitzen im Leonberger Fitnessstudios Plaza, es läuft „Smoke On The Water“. Vieles hier riecht nach Hardrock. Nach Tempo, Posing, Schweiß. Hier hat Doro Frey, 34, vor zehn Jahren ihre ersten Laufversuche unternommen, auf diesen lustigen Gummibändern, auf denen die Menschen immer aussehen, als kämen sie die Rolltreppe nicht hoch.

Jetzt ist Mitte Februar, und Doro Frey überlegt sich, ob sie im April im Bundesleistungszentrum Kienbaum bei Berlin die 100-Kilometer-Distanz angreifen soll. Der Bundestrainer hat sie eingeladen. Sie könnte sich für das Nationalteam qualifizieren. „Für Deutschland laufen“, sagt sie, „das hätte schon einen Reiz.“

Die 100 Kilometer könnten Doros größter Triumph werden. „Je länger die Strecke, desto stärker ist sie“, sagt ihr Betreuer, der Sportlehrer Dieter Rebstock, 59. „Zurzeit“, sagt die Läuferin, ,,weiß ich wirklich nicht, ob ich mir das zumuten soll oder zumuten darf.“ Sie befürchte, dass der Bundestrainer sie in den nächsten Tagen auslade. Er weiß nämlich nicht, dass sie seit ihrem 22. Lebensjahr an einer schweren Krankheit leidet, an multipler Sklerose (MS).



Am Nachmittag sind wir ein paar Kilometer am Stuttgarter Bärensee entlanggetrabt, die Leonberger Marathonläuferin wollte einem Reporter von ihrer Krankheit erzählen. Zuvor haben nur die engsten Angehörigen und Freunde davon gewusst.

„Ich kann nicht dauernd lügen“, sagt sie. Manchmal, wenn die Krankheit nicht zu kaschieren war, wenn sie im Büro den Stift nicht halten, wenn sie eine Wasserflasche nicht öffnen konnte, hat sie die Situation überspielt. „Ach, bin ich heute wieder tattrig“, hat sie gesagt, und die Kollegen in der Oberfinanzdirektion in Stuttgart haben gefragt: „Bist du auf Entzug?“ Wenn es schlimmer war, wenn sie ein Krankheitsschub wie unlängst vor Weihnachten zwang, zu Hause zu bleiben, entschuldigte sie sich: Sie habe einen Nerv eingeklemmt. „Damit“, sagt sie, „muss Schluss sein.“

Doro Frey ist das, was man ein Laufwunder nennt. Erst 2001 ist sie ihren ersten Halbmarathon gelaufen, „zum Spaß, auf Ankommen“. Sie kam an. „Geht das auch schneller?“, hat sie sich hinterher gefragt. Im vergangenen Jahr hat sie wieder eine Reihe von Rennen gewonnen, darunter den schweren Ultramarathon auf der Schwäbischen Alb gegen internationale Konkurrenz.



Wir reden über das Krankheitsbild MS. „Niemand weiß Genaues“, sagt Doro, „auch die Ärzte nicht. Ich habe keine Ahnung, was morgen ist.“ Mit Reden hat sie ohnehin schlechte Erfahrungen gemacht. Als sie vor zwölf Jahren – sie arbeitete schon als Finanzbeamtin und wohnte allein – der erste Schub überfiel, als sie, auf einem Auge blind, vom Notarzt in die Uniklinik Tübingen eingewiesen wurde, fragte ihr damaliger Freund: „Hast du mich jetzt angesteckt?“ „Das war’s dann“, sagt sie.

Die Rätselhaftigkeit, das Ungewisse sind das Schlimmste an der unheilbaren Krankheit. Das Leiden, sagt Doro, habe ihr Bewusstsein von Grund auf verändert. Vor ihrer Konfrontation mit MS, sagt sie, „war immer Party“. Von MS wusste sie nichts. „Als man es mir sagte, dachte ich sofort an Rollstuhl.“ Nach und nach hat sie die Natur entdeckt. „Ich ging oft spazieren, ich dachte, vielleicht siehst du das alles nicht mehr so lange.“

Es dauerte eine Weile, bis sie auch vom Fitness-Laufband ins Freie wechselte, und sie hat es nur getan, weil sie Bekannte dazu überredeten. Dieter Rebstock gab ihr Traingstipps, auch er hat erst viel später von ihrer Krankheit erfahren, und auch er ist sich nicht sicher, was richtig ist: sie ermutigen oder bremsen.



Doro hatte nie den Plan, auf Teufel komm raus gegen die Krankheit anzurennen. „Das ist kein Rausch.“ Sie weiß ja nicht einmal, ob der Leistungssport ihr gut tut oder schadet. Aber kein Arzt der Welt würde ihr gestatten, 100 mörderische Kilometer zu laufen. Der Arzt hat ihr gesagt, sie solle Hitze meiden, heiße Länder, sogar heiße Duschen. Und dann ist sie bei sengender Sommerhitze in Stuttgart Marathon gelaufen, sie hat gesehen, wie Läufer zusammengebrochen sind, aber sie hat sich gut gefühlt, jedenfalls körperlich. Belastet hat sie nur ihr Gewissen.

Bisher hat der Marathon-Stress nie einen MS-Schub ausgelöst, keinen, den sie wahrgenommen hätte. Als sie vor Weihnachten Lähmungen im Arm spürte, als sie keine Tasse greifen konnte, hat sie gerade mal zwei Tage mit dem Training ausgesetzt. „Die Beine waren ja in Ordnung.“ Vier Wochen später ist sie beim 50 Kilometer-Lauf in Rodgau gestartet, sie wurde mit ihrer neuen Bestzeit von 3:49 Stunden Dritte. Man kann kaum glauben, dass so viel Kraft in dieser zierlichen Frau steckt, und sie macht nicht den Eindruck, als werde sie von gefährlichem Ehrgeiz getrieben. Sie spricht gelassen, optimistisch. Alles scheint normal. Vor zwei Monaten hat Doro geheiratet.

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