Bauers Depeschen


Montag, 15. Juli 2019, 2110. Depesche



 





KOLUMNE HEUTE VOR ZWEI JAHREN:



HAMBURG, TAGE DANACH

Als mir Anfang dieser Woche Freunde den SMS-Befehl gaben, mich zu einem wichtigen Treffen zwecks Überprüfung der gastronomischen Qualitäten auf dem Hamburger Fischmarkt einzufinden, dachte ich zunächst an eine Verwechslung: Aus Hamburg war ich gerade erst gekommen, und den Fischmarkt auf dem Karlsplatz hatte ich nicht auf dem Schirm. Mein Speicher war überflutet von den G-20-­Ereignissen im Hamburger Schanzenviertel, wo ich von Freitag bis Sonntag in einem kleinen Gästehaus in unmittelbarer Nähe des autonomen Zentrums Rote Flora gewohnt hatte – aus Zufall, weil ich kurzfristig aufgebrochen war und kein anderes Hotelzimmer gefunden hatte.

Mich einen Krawalltouristen zu nennen träfe nicht die ganze Wahrheit: Einerseits war ich wegen eines Freundschaftsbesuchs nach Hamburg gefahren, andererseits auch mit zigtausend Menschen bei friedlichen Aktionen dabei. Ich erlebte zwei anstrengende Tage und vor allem Nächte mit einem dröhnenden Polizeihubschrauber über unserer Herberge und bekam so viel um die Ohren, dass mir die geballten Szenen dieser lärmenden Unübersichtlichkeit bis heute nicht mehr aus dem Kopf gehen. Um sie leichter los­zuwerden, habe ich ein paar Gedanken aufgeschrieben:

Eine Woche danach ist mir halbwegs klar, wie falsch es gewesen wäre, mit einer schnellen „Meinung“ auf die Hamburger Ausschreitungen zu reagieren. Das kleine, 2017 erschienene Buch „Über Tyrannei“ des US-Historikers Timothy Snyder behandelt „Zwanzig Lektionen für den Widerstand“; unter diesen Anleitungen zur Verteidigung der Demokratie findet man als Nummer 11 die Worte: „Frage nach und überprüfe“. Das gilt in meinen Augen nicht nur für die Auseinandersetzungen mit Informationen und Positionen anderer, sondern auch für die eigene Sicht der Dinge.

Über die pausenlos vorgetragene Forderung, sich von Gewalt zu distanzieren, und dem ebenso oft formulierten Vorwurf, die Gewalt zu unterstützen, muss ich hier nichts mehr sagen. Schon deshalb nicht, weil es für mich keine Frage ist, wer von den Hamburger Ereignissen politisch profitiert. Jedenfalls nicht die eher links orientierten Menschen, die auch in Zukunft an Protestaktionen teilnehmen werden.

Nach der Lektüre vieler Berichte, Kommentare und Analysen von Augenzeugen, Beteiligten, Betroffenen, Aktivisten, Kriminologen, Soziologen, Philosophen usw. habe ich wieder mal gemerkt: In der ersten Reaktion auf ein Desaster kommt all das hoch, was am leichtesten abrufbar ist – Schuldzuweisungen, Vorverurteilungen („Ich hab‘s ja immer gewusst“), das verdammte Sündenbockdenken. Zu denken gab mir, dass ich auch in Hamburg festgestellt habe, wie wenig meine eigenen Beobachtungen zur Beurteilung der Lage taugen. Gelernt habe ich beispielsweise, frei nach Raymond Chandler: Die Gedanken beim Blick auf die Bilder der Nacht halten dem Tageslicht nicht stand.

Selbst die mit eigenen Augen wahrgenommenen Bilder der sogenannten Realität sind trügerisch – und die TV- oder Videoausschnitte noch viel mehr (etwa bei nächt­lichen Bildern von Feuer und Rauch). Ein Polizist, der – wie geschehen – wenige Meter unter meinem Balkon reglos auf der Straße liegt, weckt in der Nacht andere Ängste als am Tag (er stand wieder auf).

Der Rechtsstaat und seine Gesetze erfordern in Wahrheit ein radikales demokratisches Bewusstsein: Die Unschuldsvermutung hat bedingungslos zu gelten, und selbst der übelste Täter, der nicht mal mehr eine klammheimliche Sympathie erwarten darf, besitzt seine gesetzlich garantierten Rechte.

Der Reflex, eine diffuse Gruppierung namens „links“ pauschal zu verurteilen und rigoros mit „rechts“ zu vergleichen, wie ich es auch unter meinen Bekannten erlebe, entspricht einem reaktionären Denken. Fast jeder von uns trägt reaktionären Unrat mit oder in sich herum – und sollte ständig dagegen ankämpfen: täglich etwa bei unterschwelligen rassistischen Gefühlen (immer wieder erwische ich mich selbst dabei).

„Die“ Linken ohne Prüfung der Vorgeschichte des Protests, der Polizeistrategie, der machtpolitischen Hintergründe und der unterschiedlichen Zugehörigkeiten der Randalierer und ihrer Mitläufer als alleinige Verursacher der Gewalt beim G-20-Gipfel an den Pranger zu stellen wäre selbst dann noch ein Zeichen von Denkfaulheit, wenn sich irgendwann herausstellen würde, dass niemand außer „den Linken“ die Gewalttaten begangen hat – nach dem heutigen Stand eine absurde These. Undifferenziertes Denken kennen wir zur Genüge: „Ich bin für Demokratie, aber . . .“

Ereignisse wie Hamburg kommen Teilen der herrschenden Politik sicher nicht ungelegen, um im Zweifelsfall demokratische Rechte leichter abzubauen – denken wir an die Versammlungsfreiheit, die bei uns oft genug wie ein Akt temporärer Großzügigkeit oder Gnade gesehen wird, ähnlich dem Motto: „Streiken darf man schon mal – solange es keinen stört.“ Die Weltordnung dieses Bewusstseins ist eh klar: „Links“ produziert Nordkorea, „die Mitte“ Schweden – und „rechtsextrem“ war/ ist nur ein historischer Unfall.

Der Reflex und das schnelle Urteil verhindern zudem die richtige Deutung der Propagandasprache, darunter bewusst gesteuerter Unsinn wie die Behauptung, die Hamburger Krawalle seien vergleichbar mit „Bürgerkriegszuständen“. Aleppo sieht vermutlich anders aus als das Schanzenviertel am Morgen, das ich gesehen habe. „Achte auf gefährliche Wörter“, heißt eine weitere Lektion des Historikers Timothy Snyder. Über die bewusst einfach formulierten Sätze seiner Politfibel lässt sich streiten, über eine Sache weniger: Ein vernünftiger, kritischer, weltoffener Mensch – sofern er diese Ansprüche hat – muss sich und anderen fortwährend Fragen stellen. Sich auf seine „Meinung“ als Ergebnis hastiger Eindrücke und Einschätzungen zu verlassen ist vor allem bequem. Als gäbe es keine politische Gewalt, die man nicht sieht oder spürt, wenn man auf der Sonnenseite lebt.

Meine generellen Zweifel an der Meinung hindern mich im Übrigen nicht daran, eine Haltung zu haben – wobei ich mir oft nicht sicher bin, ob sie die richtige ist. Das gilt sogar für die Beurteilung des Hamburger Fischmarkts auf dem Karlsplatz.









 

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