Bauers Depeschen


Donnerstag, 26. Mai 2016, 1632. Depesche



 



TAGEBUCH

Das Motiv für unbegründetes Misstrauen ist oft die eigene Verlogenheit. Dies gilt auch beim Blick auf das Fremde.



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LIED DES TAGES



Etwas aus meinen Beständen, überarbeitet für eine Textsammlung:



PROUST, Geißstraße 16

Vor fünfzehn Jahren, im Sommer 2001, habe ich Heinz Weiß gefragt, wann er sich zum letzten Mal gewundert habe. Er sagte, er könne sich nicht erinnern. Seit einer Ewigkeit war er damals in Stuttgart, seit vierzig Jahren stand er hinter demselben Tresen, seit vierzig Jahren saß er auf der VfB-Tribüne. Was sollte ihn noch wundern.

Entscheidendes hatte sich nicht verändert in all den Jahren. Im rechten Flügel seiner Bar warteten zwar nicht mehr wie früher die Damen auf Herren und im linken die Herren nicht mehr auf Herren. Ansonsten war alles wie immer im Café Weiß, Stuttgart, Geißstraße 16.

Das Etablissement in der Nähe des Hans-im-Glück-Brunnens sah aus wie vor einem halben Jahrhundert. Die Kronleuchter und die öligen Bilder hingen, wo sie immer gehangen hatten. Kellner Ranko geisterte zu jeder Jahreszeit wie der Weihnachtsmann mit kleinen Schokolade-Geschenken der Marke Ritter Sport durchs Lokal, und die Gäste träumten von der alten Zeit, die gut war, weil man sie hinter sich hatte.

Das Café Weiß ist heute eines der letzten Stuttgarter Wahrzeichen der einst glamourösen Stuttgarter Rotlicht-Ära, eine Oase verwitterter Puff-Eleganz. Ende der achtziger Jahre war das große Geschäft vorbei. Danach konnten wir uns viel erzählen in der Bar. Von der Treue der Huren, der Ehre der Luden, den Millionengräbern der Zocker. Nie war alles gesagt, wenn wir nach Hause gingen. Und der menschenverachtende Paragraf 175 zur Verfolgung der Schwulen stand noch immer im deutschen Gesetzbuch. Bald verwandelte sich das Café Weiß in ein buntes Sammellager für Nachtgestalten und in eine Art literarischer Salon. Schauspieler des Staatstheaters und Selbstdarsteller aus der Stadt lasen jeden Monat einmal aus Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Das Unternehmen Proust war auf mehr als zwanzig Jahre angelegt, so lange hätte es gedauert, die Verlorene Zeit vor Publikum zu bewältigen.

Eines Tages, das neue Jahrtausend war schon am Laufen, erhielt Heinz Weiß eine Rechnung über 171 Mark und 67 Pfennige. Das Schreiben kam von der Gema, der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte; die Gema macht einige reiche Musiker reicher, viele andere verhungern dank ihrer Kohleausschüttung etwas später. Heinz, der seine Wizard-Musikbox mit Edith Piaf und Rock 'n' Roll bespielte, nahm die Rechnung der Geldeintreiber nicht ernst. Die Botschaft war ohnehin nicht an ihn, sondern an einen „Lizenznehmer“ mit französischem Namen adressiert. Heinz, der sich schon lange über nichts mehr wunderte, rief bei der Gema-Bezirksdirektion in Stuttgart an. Wenn die Herrschaften bei dem Mann, der auf seiner Rechnung als Lizenznehmer genannt sei, Geld abgreifen wollten, sagte er, sollten sie sich besser auf den Friedhof bemühen. Nach seiner Kenntnis sei der Gesuchte schon ein paar Tage tot. Dann warf er das Schreiben in den Mülleimer.

Damit wäre die Sache womöglich erledigt gewesen, hätte nicht der legendäre Buchhändler Wendelin Niedlich jeden Abend im Café Weiß am Stammtisch gesessen und von der Sache Wind bekommen. Niedlich war längst eine literarische Institution, ein wandelndes Denkmal, groß geworden in der linken Szene. In den sechziger Jahren hatte ein aus Fellbach-Oeffingen stammender Schnösel namens Joschka Fischer bei Niedlich Bücher geklaut. Den Rest seiner politischen Ausbildung besorgte er sich regelmäßig im Club Voltaire in der Stuttgarter Altstadt. Als der Buchhändler von dem Gema-Wisch erfuhr, befahl er Heinz, das Ding umgehend aus dem Abfall zu fischen. Heinz schenkte Niedlich noch eine Schorle weiß-sauer ein, wühlte eine Weile im Mülleimer und fand den Brief. Heinz hat nie etwas verloren, außer Zeit.

Das Schreiben, so war dem Briefkopf zu entnehmen, galt einem gewissen Herrn Marcel Proust, wohnhaft im Café Weiß, 70173 Stuttgart, Geißstraße 16. Kaum hatte Niedlich die Rechnung gelesen, begannen seine feuchten Schorle-Augen zu glänzen. Es konnte für diese Geschichte nur eine Erklärung geben: Marcel Proust war auferstanden. Er lebte. Vermutlich hatte er nur lange im Keller des Café Weiß gesessen und an einem neuen Roman in sieben Bänden geschrieben. Schließlich war der Dichter ein Salongeist, der wie viele Gäste im Café Weiß eher Herren als Damen liebte – und vor allem dunkle Räume. Zwei Bände seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte Proust „Sodom und Gomorrha“ genannt. Und wer Sodom und Gomorrha kannte, verkehrte auch im Café Weiß.

Eindeutig rekonstruieren ließ sich später, als ich mich in den Fall einmischte, folgender Tatbestand: Wendelin Niedlich hatte schon lange vor dem Eintreffen des Gema-Schriebs ein Stück Pappe zur Werbung für seine Lese-Reihe an die Eingangstür der Bar gehängt. Aufschrift: „Marcel Proust, Geißstraße 16“. Ein Gema-Schnüffler witterte Handlungsbedarf: Monsieur Proust sollte für die Beschallung des Café Weiß aus der Wizard-Musikbox 171 Mark und 67 Pfennige zahlen.

Schuld an diesem einzigarten Erfolg investigativen Scharfsinns in der Geldeintreiber-Geschichte hatte nach Auskunft der Gema ein ''Eingabefehler''. Womöglich ein göttlicher. Am 10. Juli 2001, im Jahr der Stuttgarter Jukebox-Fahndung, feierte die Welt Marcel Prousts 130. Geburtstag. Die große Party war schon drei Tage zuvor im Café Weiß gestiegen: Da beging Heinz unter reger Anteilnahme weiter Kreise der Bevölkerung seinen 65. Geburtstag. Das war gewissermaßen die halbe Miete.

Am 8. November 2010 ist Heinz Weiß mit 74 Jahren gestorben. Wendelin Niedlich war bei Fertigstellung dieses Textes noch am Leben und saß im Café Weiß.







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