Bauers Depeschen


Dienstag, 12. April 2016, 1614. Depesche



 



DAS BASIS-FEST

Freunde der Stuttgarter Altstadt und DGB-Leute veranstalten am Samstag, 16. April, das 1. BASIS-Fest. Das Basis ist ein kleines Beratungszentrum des DGB in den ehemaligen Räumen des legendären Café Schmälzle im Leonhardsviertel, Hauptstätter Straße 41. Das Fest ist als Tag der Begegnung und als kleine Hommage an die Altstadt gedacht. Es gibt gutes Essen, Getränke - und ein Programm. Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa spielen afrikanische Songs. Mitglieder des Vesperkirchen-Chors rahmenlos & frei singen ihre schönsten Lieder. DGB-Mitarbeiter stellen das Basis vor, unsereins liest Texte über die Altstadt vor. Der Fotograf Jim Zimmermann stellt Bilder aus. Alle sind herzlich willkommen. Das Basis-Fest beginnt um 16 Uhr. Eintritt frei.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE SCHLINGE

In dem Dokumentarfilm „Ein Hells Angel – Unter Brüdern“ taucht mehrfach das Clubhaus der Stuttgarter Hells Angels im Leonhardsviertel auf. Über der Tür des historischen Gebäudes zwischen Rotlicht-Bars in der engen Weberstraße baumelt ein Galgenstrick. In diesem Domizil der Rocker wohnte einst der Henker, der auf dem heutigen Wilhelmsplatz seiner Arbeit nachging. Diese blutige Stätte gab der benachbarten Hauptstätter Straße ihren Namen. Jahr­hundertelang hat man auf dem Richtblock, wegen seiner Form auch „Käs“ genannt, Menschen mit dem Schwert enthauptet, darunter auch die Revolutionäre im Bauernkrieg.

„Ein Hells Angel – Unter Brüdern“ ist an diesem Mittwoch auf Arte zu sehen (22.15 Uhr). Besagte Henkerschlinge wird nicht erklärt – der Zuschauer könnte sie für eine symbolische Drohung der Höllenengel halten. Diese Nebensächlichkeit erwähne ich, weil sie etwas über den Konflikt von Wahrnehmung und Wirklichkeit erzählt. Davon handelt die von SWR und Arte produzierte Doku mit Lutz Schelhorn, dem Präsidenten der Stuttgarter Hells Angels, in der Hauptrolle.

Als der Film im vergangenen Jahr in nur wenigen deutschen Kinos lief, weil viele sich weigerten, ihn zu zeigen, schoss sich die Boulevard-Presse darauf ein. Die Blätter empörten sich über „Gewaltverherr­lichung“ – und offenbarten damit ihre Methode, das Publikum mit Vorurteilen zu provozieren: Die Doku (Buch und Regie Marcel Wehn) zeigt keine einzige Gewaltszene, er ist für Zwölfjährige freigegeben. Für den DVD-Verkauf setzten die Hersteller dennoch das „Bild.de“-Zitat „Die Skandal-Doku“ aufs Cover. Die übliche, als Kritik getarnte Sensationsgeilheit beim Blick auf die Rocker hatte sich zuvor gut schüren lassen, weil die öffentliche Filmförderung, auch die baden-württembergische, die TV-Produktion unterstützte. Auf der Rückseite der DVD-Hülle liest man ein fachlich ­gefälltes Urteil der „Süddeutschen Zeitung“: „Eindrucksvolle Überprüfung von Mythos und Wahrheit, die die Vorurteile der Öffentlichkeit auf die Probe stellt“.

Auf dem Schick-Areal, einem alternativen Studio- und Werkstättenprojekt in der Nähe des Feuerbacher Bahnhofs, hat sich der Stuttgarter Hells-Angels-Präsident Lutz Schelhorn ein Atelier eingerichtet. Seit vielen Jahren arbeitet er als Fotograf, hat einige gute Bildbände und Ausstellungen produziert. Mit einer historischen Kamera dokumentierte er den Stuttgarter Hauptbahnhof, im Auftrag von Caritas und Theatern fotografierte er Kampagnen. Schülern erklärt er seine Bild-Interpretationen der Juden-Deportation am Nordbahnhof.

Lutz Schelhorn ist eine Stuttgarter Figur. Ein stämmiger Mann in den Fünfzigern, der 1981 den Stuttgarter Charter (Verein) mitbegründet hat und als moderater Denker unter der Angels gilt. Wir kennen uns schon eine Weile und waren öfter zusammen unterwegs – er mit der Kamera, ich mit dem Notizbuch. Solche Begegnungen sind üblich, wenn man versucht, die Stadt ohne Gedanken an Sippenhaftung zu erkunden. Seit dem Internet ist es nicht leichter geworden, halbwegs gelassen das Unbekannte und das – oft vermeintlich – Fremde zu erforschen. Ich habe keine Meinung zu den Angels, keine, die sich nicht täglich ändern könnte. Nach meiner bescheidenen Erfahrung ist es unmöglich zu ergründen, was sich hinter dem Biker-Mythos verbirgt. Was sie bedeutet, die Freiheit, die sie meinen.

Vor sechzig Jahren haben sich die Hells Angels in Kalifornien gegründet, ihren Namen entlehnten sie einem Spielfilm über Jagdflieger des ersten Weltkriegs. Sie organisierten sich wie andere amerikanische Männerbünde: hierarchisch geführt, mit Tugenden wie „Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Freiheit“ in der Satzung. Ich kenne nicht die Gründe, einem Biker-Club beizutreten und bis zum Tod als Member (Mitglied) in einer Rocker-Familie zu leben. Der Außenstehende kann über alles nur spekulieren – wie auch die hochrangigen Polizisten, mit denen Lutz vor der Doku-Kamera die Abläufe vor größeren Ereignissen im Biker-Milieu per du bespricht.

Als ich den Fotografen in seinem Atelier am Bahndamm besuche, gibt er mir ein Buch, das kürzlich auf der Leipziger ­Buchmesse vorgestellt wurde: „Jagd auf die Rocker“. Es behandelt „Die Kriminalisierung von Motorradclubs durch Staat und Medien in Deutschland“. Zu den Autoren gehören neben Lutz Schelhorn die Berliner Wissenschaftsjournalistin Ulrike Heitmüller, 49, und der Hamburger „Stern“-Reporter Kuno Kruse, 63, unter anderem mit dem Erwin-Egon-Kisch-Preis und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Der kursierende Vorwurf, TV-Doku und Buch seien dafür gemacht, die Machenschaften und Verbrechen von Rockern zu verharmlosen oder zu rechtfertigen, ist Unsinn. Der Film vermittelt die Unsicherheit, die Irritation und die Zweifel von Leuten, die sich dem einzelnen Menschen unter den Angels und nicht nur dem Gruppen-Phänomen nähern. Das Buch, 465 Seiten schwer und mit reichlich Fußnoten bestückt, deckt die Unterschiede zwischen politischer und medialer Propaganda und der Realität auf. Erklärt, wie der Staat und seine Justizbehörden eine mit schlechtem Ruf behaftete Gruppierung missbrauchen können, um ohne Rücksicht auf individuell begangene Taten generelle Verbote und Freiheitseinschränkungen durchzuboxen.

Lutz Schelhorn schreibt: „Ich will es nicht verschweigen: Von Rockern sind in den vergangenen Jahren Verbrechen verübt worden, darunter sehr schwere bis zum Mord. Bei Kämpfen zwischen einzelnen Membern einzelner Clubs sind Rocker verletzt und getötet worden. Auch darüber soll in diesem Buch geschrieben werden.“ Und er stellt die zentrale Frage: „Soll Strafverfolgung und Rechtsprechung in Zukunft so funktionieren, dass man einfach eine Gruppe stigmatisiert und ihr Auftreten verbietet?“

Ich denke, bei diesem Thema geht es nicht nur um die Rocker.



 

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