Bauers Depeschen


Dienstag, 22. Juli 2014, 1322. Depesche



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TERMIN

Flaneursalon am 13. Oktober im Theaterhaus. 07 11 / 4020 720.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



AUF WACHE

Es war auf den Tag genau 45 Jahre nach der Mondlandung der Amerikaner, als ich meinen angestammten Wachposten einnahm und die Welt von oben betrachtete. Im Café Königsbau hat man einen guten Blick auf den Schlossplatz. Immer wieder sitze ich am Fenster mit meinem kleinen Laptop im Glauben, meine Finger könnten beim ­Tippen dem Rhythmus der Stadt folgen, beim Lauf der Dinge mithalten.

Das Café im ersten Stock des Gebäudes ist eines der letzten seiner Art. Kronleuchter und Lüster, Holzstühle mit gestreiften Polstern, Tische mit Leselämpchen.

Der Himmel ist grau und wild bewölkt an diesem 21. Juli. Wie bestellt hat der Regen den extrem heißen Kessel vor dem Mondfahrertag etwas abgekühlt und notdürftig geduscht. Vor dem Neuen Schloss baut man die Tribünen des Festivals Jazz Open ab, es ist der Montag der Abschiede. Auf dem Weg zum Schlossplatz bin ich über den Marktplatz gegangen, zuvor Schauplatz des Festivals der Kulturen, dann über den Karlsplatz, zuvor Hamburger Fischmarkt. Keine Bange: Es wird weiter Brot und Spiele geben, diese Woche das Bohnenviertelfest, im August das Sommerfest im Schlossgarten. Wer Stuttgart nicht erst seit gestern kennt, sieht an den Fest-Tagen, wie die einst zwangsberuhigte Stadt ihre bürokratischen Schikanen und willkürlichen Verbote zu Gunsten der Event-, Party- und Marketing-Gesellschaft abgebaut hat.

Die Menschenströme sind gewaltig, als ich samstags herumgehe. Von den mutigen Klängen der großen alten Jazz-Musiker Wayne Shorter und Herbie ­Hancock in das Dixieland-Gequäke des Fischmarkts, weiter zu den Tanzrhythmen des Festivals der Kulturen. Alle Stationen gerammelt voll, als könnte der Mond zum letzten Mal untergehen. Weiter zum Hans-im-Glück-Brunnen, der innerstädtischen Bar-Meile. Überall große Open-Air-Party, bunter Massen­betrieb. Mal brauchst du fürs Dabeisein viel Geld, mal weniger. Du begegnest jungen Menschen, alten, zeitlosen, und oft siehst du vor lauter Wald die Bäume nicht.

Im Gesamtgetümmel öffnet sich der Blick auf die Veränderungen, und man ahnt, warum es kein Zufall ist, wenn die Stadtpolitiker jedem Immobilien-Investor, jedem Baumarkt (wie am Westbahnhof) gierig die Lizenz für alles erteilen. Der Stuttgarter Einkaufskomplex folgt dem Minderwertigkeitskomplex. Es ist so logisch wie komisch, wenn zwischen den Fairer-Handel- und Öko­Buden des Kulturen-Festivals das Reklamezelt des Energiekonzerns EnBW steht. Alles geht, wenn es ums Geld geht.

Lustig auch, wie der grüne OB mit Rucksack zur VIP-Tribüne des Festivals Jazz Open eilt. Man fragt sich, ob er mit diesem Beutel auch in die Oper geht, ob darin, dicht am Mann, die vielen „Masterpläne“ lagern, die er dauernd ankündigt. Unterdessen stapft sein Parteikollege, der Kultur-Staatssekretär, mit weithin sichtbarem Wichtigtuer-Pass über der Wampe durchs Gelände, damit jeder sieht, wo der Bartel den Most holt, wenn es was für umme gibt.

Am Tag danach, am Sonntag vor dem Mondfahrer-Jubiläum, beging man in Deutschland den 70. Jahrestag des 20. Juli. Stauffenbergs Hitler-Attentat. Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist in jungen Jahren bei seiner Familie in Stuttgarts ­Altem Schloss aufgewachsen; im Gebäude ist eine Gedenkstätte eingerichtet, der Platz davor trägt seinen Namen. Vor 45 Jahren hat der Gemeinderat auf Initiative des legendären linken Stadtrats Eugen Eberle beschlossen, ein Mahnmal für die Opfer der Nazis und gegen den Krieg zu errichten. Der 70. Jahrestag aber ist kein Termin für die Stadt, ihre Geschichte darzustellen.

Am 20. Juli 2014 versammeln sich auf Einladung der Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens einige Dutzend Demonstranten vor dem Mahnmal. Der ­Historiker Gerhard Raff spricht über schwäbische Widerständler, der ehemalige Fernsehjournalist Franz Alt über die gegenwärtigen Kriege um Ressourcen, eine Tübinger Studentin aus Israel berichtet vom Krieg in ihrer Heimat. Der Platz vor dem Alten Schloss, neben dem Fischmarkt, stinkt nach Urin. Er ist ein Open-Air-Pissoir. Der Mond bleibt unsichtbar, der Regen kommt.



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