Bauers Depeschen


Donnerstag, 06. September 2012, 972. Depesche



 

TAGEBUCHEINTRAG

Es ist eng. Es geht weiter.



ALLES LIVE

Der Flaneursalon ist eine Mix-Show mit Popsongs, Rap und vorgetragenen Geschichten - ein Live-Abend mit Humor, schnellen Schnitten und reichlich Abwechslung. Blöderweise geistert immer der Begriff "Lesung" herum, hingeschrieben von Leuten, die den Flaneursalon nicht kennen. Neulich las ich im "lift", ich hätte eine "Lesung" im Hafen gemacht. In Wahrheit waren neun Musiker und unsereins im Hafen, um die Show namens Flaneursalon auf die Bühne zu stellen. Am Dienstag, 25. September, sind wir im Speakeasy, Rotebühlpatz 11 - mit dem Rapper Toba Borke und seinem Beatboxer Pheel, mit der Balladensängerin Dacia Bridges und ihrem Gitarristen sowie dem Sänger/Songschreiber Zam Helga. Schade, dass von den Leuten, die diese Seite lesen, nicht mal ein Bruchteil zu unseren Veranstaltungen kommt. Die Sache ist einfach: Sollte es den Flaneursalon nicht mehr geben, wird logischerweise diese Homepage aus dem Netz genommen. Karten zu 12 € gibt es Di - Sa im Plattencafé Ratzer Records im Leonhardsviertel (neben dem Brunnenwirt) und im Internet: EVENTBÜRO



SOUNDTRACK DES TAGES



Erschienen in der StN-Samstagsbeilage "Solo":



WER EINSAM IST, DER HAT ES GUT

Aus dem Leben eines unrechtmäßigen Angehörigen der Single-Sippschaft,

die angeblich die Welt bedroht

Von Joe Bauer



Ich bin aufgewachsen zu einer Zeit, als das Wort „Single“ von einer schwarzen Vinyl-Scheibe mit Rillen und achtzehn Zentimeter Durchmesser handelte. Diese so­genannte Schallplatte hatte in der Regel eine A- und eine B-Seite mit je einem Song. Die A-Seite war für das bessere, sprich: einträglichere Stück gedacht, manchmal aber irrte der Produzent, und die B-Seite wurde so erfolgreich wie Elvis Presleys „Hound Dog“.

Inzwischen bezeichnet man als Single hartnäckig eine Spezies alleinstehender Menschen. Ist einer wie ich im Zeitalter von Pop-Singles groß geworden, zählt er nicht mehr zur Kategorie Single. Aus sozio­­lo­gischer, vor allem aus ökonomischer Sicht ist er zu alt, sozial kaum mehr wert als Elvis Presleys armer Hund, der keinen Hasen gefangen und keine Freunde hat.

Wie immer, wenn Menschen in Schub­laden gezwängt werden, stecken wirtschaft­liche Motive dahinter. Marketingleute, dafür geboren, zur Rechtfertigung ihrer Jobs absurde Verkaufsstrategien zu erfinden, kennen keine Menschen mehr, sondern nur noch Zielgruppen. Der Single verspricht ein gutes Geschäft. Er ist ein Fressen für die ­Medien.

Wer seinen Computer einschaltet, wird postwendend mit grausamen Single-Angeboten à la „Gemeinsam einsam“ belästigt, bevor ihm der Blick auf Kuppelei-Foren mit Namen wie „Spätzlesuche“ den Rest gibt. Da fragt sich der Solist, ob er ­womöglich die B-Seite des Lebens erwischt hat. Von der A-Karte­ ­­ganz zu schweigen.

Es gibt Regale füllende Untersuchungen über Singles, wissenschaftliche Bücher über angebliche Individuen, die sich eines Tages wie Heuschrecken ausbreiten und traditionelle Gesellschaftswerte der westlichen Welt ausmerzen könnten. Als ob es im Zeitalter des Neoliberalismus zur Zerstörung von Sitte und Moral des Singles bedürfte.

Es wäre müßig, sich an einer Definition zu versuchen. Der in Mainz lehrende Soziologe Stefan Hradil schreibt in seinem bei Suhrkamp erschienenen Aufsatz „Der Single“: „Als kennzeichnend wird ange­sehen, dass sie erstens keinen festen Partner haben, zweitens allein leben und sich drittens im mittleren Lebensalter befinden. Wer einen festen Partner hat, gilt nicht als Single, auch dann nicht, wenn er allein lebt.“

Was aber, wenn der Alleinlebende gleich mehrere feste Beziehungen pflegt, sein ­Dasein als Don Juan, Dandy oder handelsüblicher Frauenheld fristet? Erfüllt er als bindungsschwacher Macho etwa nicht das Kriterium der Partnerlosigkeit mit Anspruch auf das amtliche Single-Diplom?

Die beste Betrachtung des Alleinlebens kommt nicht aus der soziologischen Professorenecke, sondern aus der Dichterkammer Wilhelm Buschs : „Wer einsam ist, der hat es gut, / Weil keiner da, der ihm was tut. / Ihn stört in seinem Lustrevier / Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier . . . Und laut und kräftig darf er prusten, / Und ohne Rücksicht darf er husten . . . / Kurz, abgesehen vom Steuerzahlen, / Lässt sich das Glück nicht schöner malen . . .“

Nach meinen Erfahrungen, den Erlebnissen eines Allerweltsmannes, ist die Single-Existenz meist kein Lebensentwurf. Sie beruht­ auf Zufall. Ergebnis einer philosophischen Orientierung, wie sie der amerikanische Autor P. J. O’Rourke in seinem Spott auf Sartres Existenzialismus formulierte: „Wo immer du hingehst, da bist du dann.“

Die „Marke Single“ hat sich bei uns ungefähr in den achtziger Jahren durchgesetzt. Damals gab es gute Gründe, sich in seine privaten vier Wände zurückzuziehen. Nicht allein, um die Gesetze der Spießer­gesellschaft zu unterlaufen, auch aus finanziellen Gründen habe ich wie viele meiner ­Bekannten in den siebziger und frühen achtziger Jahren in Wohngemeinschaften gelebt. Jahrelang damit beschäftigt, in einer politisch fortschrittlichen WG für eine halbwegs saubere Badewanne und die Einführung einer zweiten Klopapierrolle zu kämpfen, war das Leben­ nur schwer zu organisieren. Ohne Mobiltelefone und Computer, mit ­defektem Fernseher und blanker Matratze auf Erwachsenenkurs, geriet die Verständigung (heute: Kommunikation) äußerst kompliziert. Waren wie üblich fünf Mietpartner mit einem Wählscheibentelefon und einer dreißig Meter langen Schnur ausgerüstet, war es nach einer Gasexplosion in der Küche nicht möglich, innerhalb einer Stunde die Feuerwehr zu rufen. Vorsorglich hatte immer einer der Kommunarden das Telefon unter seinem Kopfkissen versteckt, um eine aushäusige Partnerschaft zu pflegen.

Vor diesem Hintergrund war es vor­bestimmt, nach der ersten passablen Lohnüberweisung als erlöster Mensch in einer Kleinwohnung auf dem schönsten Kiez der Stadt zu landen. Prompt stand man als privilegierter Single am Pranger, auch wenn einem ein WG-Kollege den mühsam ab­bezahlten Gebrauchtwagen gerade zu Schrott gefahren hatte.

Ich vergesse nie, wie ich nach Jahren des frühen möblierten Vegetierens und späteren Gruppenzwangs meine erste Mietwohnung im Stuttgarter Westen bezog. Siebzig Quadratmeter für mich allein. Ein Traum. Da war ich knapp über dreißig und eindeutig Single, zumal die mir bekannten Schriften nichts über die Bedeutung des ­Adjektivs „fest“­ ­innerhalb des soziologisch relevanten ­Begriffs „feste Beziehung“ sagen.

Vor lauter Freude hätte ich mich nach dem Einzug ins Reich der Selbstdiktatur am liebsten ans offene Fenster gestellt und es der Welt mit ­Wilhelm Busch gesungen und ­getrommelt: „Sogar im Schlafrock wandelt er / Bequem den ganzen Tag umher. / Er kennt kein weibliches Verbot, / Drum raucht und dampft er wie ein Schlot . . .“

Die erste Zeit nach den Konflikten und Kompromissen der WG-Achterbahn waren herrlich. Endlich ein Mann mit Bettgestell, musste ich nur noch tun, was ich unbedingt tun musste. Hätte ich noch Schwarzkohle für eine Putzfrau gehabt, wäre ich mir vorgekommen wie The Master of the Universe. Leider ist die Single-Steuer sehr hoch.

Kein Gedanke daran, der familiär behaftete Teil der Menschheit könnte einen für einen Asozialen halten, für einen skrupel­losen Egomanen ohne Sinn für Nachwuchsarbeit. Die Vorwürfe fehlender Verantwortung, sexuellen Leichtsinns und narzisstischer Rücksichtslosigkeit waren für mich schnell vom Tisch. Dem Single-Anfänger ist es unmöglich, sich mehr aufzubürden als sich selbst. Das Ich ist ein Fulltime-Job.

Seine asozialen Attitüden bemerkt der Einzelgänger nicht einmal, wenn in seinen Kokon ein neuer Mensch, etwa eine Frau, eindringt. Was gäbe es für Gründe, neuerdings bei der Arbeit die Toilettentür zu schließen, wo sie ihm unverschlossen das großartigste ­Gefühl seines Lebens beschert: Die Welt steht ihm offen. Warum sollte es nicht möglich sein, schon morgen eine Solokarriere als freier Kunstfurzer zu starten?

Die Schlüsselloch-Gucker der Lifestyle-Magazine schildern den Single häufig als Angehörigen einer eigenen Kaste, als Typen mit Flugtickets, Designerklamotten und Cabrio. Das zu große Loft mit ­Küchenkram bestückt, um eine Hochzeits­gesellschaft des Hochadels zu bewirten. Solche Bilder sollen uns die Sehnsüchte des Alleinstehenden nach Familie, die Angst vor Einsamkeit beweisen. Der Single schwirrt als Zeitgeist-Produkt herum, als hätte es den guten alten Junggesellen mit seinen Bratkartoffel-Verhältnissen nie gegeben. In dieses Szenario passt die übererregte Single-Zicke aus „Sex and the City“, obgleich Frauen nachweislich die professionelleren Singles sind. In Wahrheit gibt es keine typischen Singles und Familienmenschen, nur Zeitgenossen, die ­etwas mehr oder weniger Glück beim Umgang mit ihren lieben Mitmenschen haben.

Leise Zweifel am Alleinsein stellen sich für einen gut gesattelten, heute androgynen Asphaltcowboy ein, wenn er erkennt, was eine verdammte Arbeit er leisten muss, will er ohne Herde über die Runden kommen. Der Single braucht ein gehöriges Organi­sationstalent, um nicht abzurutschen. Ihm drohen nicht nur die Gefahren der Langeweile und des Ausschweifens, die pathologischen, meist sexuell motivierten Zwänge des nächtlichen Weiterziehens auf der Bar-Meile und durch die Loser-Kanäle des Internets. Der Single muss sich, will er Dachschäden vermeiden, ein soziales Netz aufbauen, das im Zweifelsfall unabhängig von allen Computern funktioniert. Dieses System gilt es ständig zu erneuern. Schließlich muss er täglich damit rechnen, Stützen und Krücken seiner Community durch Transfers in Ehen oder ähnlich merkwürdige Formen des Zusammenlebens zu verlieren. Die Ehre des einsamen Reiters hält nicht immer ­lebenslang. Der Single muss deshalb lernen, ­Ersatzfamilien zu finden und sich für sie zu engagieren, ohne in den Fängen reaktionärer Rattenfänger zu landen.

Im Grunde ist der Single ein gängiges Lebewesen, gelegentlich auch mit einer Überzeugung ausgestattet. Bereits als Sechzehnjähriger habe ich Eheverträge zur Über­wachung von Gefühlen als sittenwidrig und marktfeindlich abgelehnt, damit aber bis heute kaum Fürsprecher gefunden.

Damit sind wir bei der Moral. Warum Selbstsucht und heuchlerische Beziehungen in den Untergang führen, hat der erfahrene Single schon früh von Albert Camus’ Roman „Der Fall“ gelernt. Hat er diese Geschichte verinnerlicht, besitzt er das Recht, sich als selbstbestimmter Mensch wie Wilhelm Buschs „Der Einsame“ der Muße hin­zugeben: „Liebt er Musik, so darf er flöten / Um angenehm die Zeit zu töten . . .“

Dieser Vers wird auf der A-Seite meines Grabsteins stehen.



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