Bauers Depeschen


Montag, 08. Oktober 2007, 73. Depesche

Es war die längste Radtour seit Jahren. Ich mache normalerweise keine langen Radtouren, auch keine kurzen, ich fahre so gut wie nie Rad.

Wir starteten in der zehnten Avenue, Ecke 47. Straße, und fuhren stadtabwärts. Herr Gaedt hatte die Räder unweit unseres Hotels gemietet. Wir fuhren einen Rad- und Joggingweg am Fluss entlang, hinunter bis zum nächsten Fluss. Als wir unten waren am Wasser, fuhren wir auf der anderen Seite stadtaufwärts. Wir radelten zügig und waren bald in Harlem.

Herr Gaedt, mein Reisebegleiter, isst sehr viel Obst. Nach dem Frühstück, nach dem Mittagessen, nach dem Abendessen. Wenn wir nach dem Abendessen an einem Obststand vorbei kamen, kaufte Herr Gaedt nochmals Obst. Am Morgen, bevor wir losgeradelt waren, hatte auch ich mir Obst am Stand gekauft. Ich schob es auf den ungewaschenen Apfel, als ich unterwegs beim Radeln den Durchfall spürte. Ich stoppte vor einer Apotheke, kaufte mir Tabletten gegen Diarrhoe, schluckte zwei und wähnte mich auf der sicheren Seite. Ich konnte die Diarrhoe lange in Schach halten, allerdings meldete sie sich mitten in Harlem, ungefähr in der 200. Straße, mit energischem Druck zurück.

Ich radelte mit zusammengekniffenen Backen durch Harlem auf der Suche nach einer Bar mit Klo. Schließlich entdeckte ich ein Kentucky Fried Chicken, wie wir in Stuttgart auch eins haben, und stürzte schwitzend hinein. Ich fragte einen Kentucky-Fried-Chicken-Angestellten nach der Toilette. Er schüttelte traurig den Kopf. Ich humpelte hinaus und sah in der Nachbarschaft eine Bar, deren Namen ich vergessen habe. Sie sah von außen nicht aus wie eine Bar mit Toilette, aber ich hatte keine andere Chance. Als ich die Tür aufstieß, sah ich ein Schild mit der Aufschrift „Klo nur für Kunden“, ich schrie „Hier kommt der Kunde des Jahres“, und dann riss ich die Toilettentür auf.

Ich habe selten in meinem Leben ein besseres Klo gesehen, auch nicht im Waldorf Astoria, dort war zwei Tage zuvor das Schloss für den intimen Geschäftsbereich kaputt gewesen, das schwöre ich Ihnen. Das Toilettenpapier in der Bar von Harlem war sanft und weich, ich schätze vierlagig. Solches Toilettenpapier finden Sie in keinem Laden in Stuttgart-Mitte.

Ich kann Ihnen versichern, die Stad ist sauber geworden, unvorstellbar sauber. Die „Null Toleranz“-Politik hat gefruchtet, diese Nummer ist nicht Letz-putz in Stuttgart. Und die Wunde, die mitten in der „Null Toleranz“-Kampagne der Elfteneunte geschlagen hat, haben die Bürger der Stadt so gründlich geleckt, bis ihre Stadt so rein war wie ein Operationssaal im Bosch-Krankenhaus.

Abends kehren gute Bürger ihre Bürgersteige, das habe ich gesehen (und mir Adresse, Datum und Uhrzeit notiert), man kann von der Straße essen, nicht nur in Harlem, überall. In Queens, in Brooklyn.

Jedes Mal, wenn sich Herr Gaedt drei Pfirsiche am Obststand gekauft und einen davon gegessen hatte, traute er sich nicht, den Pfirsichstein wegzuwerfen. Er schleppte manchmal einen Pfirsichkern durch die halbe Stadt, weil er sich nicht traute, ihn wegzuwerfen. Selbstverständlich stehen überall frisch geleerte Mülleimer herum, aber diese Mülleimer stören lediglich den wahren Kern meiner Geschichte. Die Stadt ist so sauber, dass sich Herr Gaedt nicht traute, einen abgenagten Pfirsichstein wegzuwerfen.

Jetzt bin ich wieder zu Hause, eine Stunde, nachdem wir angekommen waren, saß ich in der Sauna im Bad Berg und schwitzte. Als ich aus dem kalten Wasser kam, fühlte ich mich gut und schlief bald danach einen langen Schlaf ohne schlechtes Gewissen.

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