Bauers Depeschen


Samstag, 25. November 2017, 1877. Depesche


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Ein bisschen anregender Austausch wäre schön:

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MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

DIE GANZE WELT

Mit etwas Demut kannst du jeder Nische dieser Stadt etwas Städtisches abgewinnen. Auch der westlichen Ecke Schwabstraße/Augustenstraße. Es ist dunkel, als ich auf dem Weg Richtung Schwabtunnel einen Blick in Hans Schweizers paradiesisches Musikhaus werfe, die Straßenseite wechsle und herumgehe. Ich komme an dem ­vornehmen chinesischen Teehaus Taichi mit chinesischem Schachspiel vorbei, streife einen Thailänder und einen Italiener. Ich sehe Läden, die ich noch nie gesehen habe.

Kurz nachdem ich von der Schwab- in die Augustenstraße eingebogen bin, entdecke ich am Haus Nummer 82 ein Messingschild. Es macht mich vor allem deshalb neugierig, weil es schwer lesbar ist. Hier hat der ­Sattler Wilhelm Reutter 1906 seine Firma Reutters Reform-Karosserie gegründet und damit die Wiege des VW-Käfers geschaffen. Er baute die Karosserien für die ersten Prototypen. Berühmt wurde er auch als Hersteller von Cabriolet-Modellen. 1964 entstand aus seinem Unternehmen die ­heutige Firma Recaro, bekannt für ihre Sportsitze. Reutters Stammhaus wurde leider abgerissen; 2010 ließen ehemalige Mitarbeiter das Messingschild anbringen.

Beim Blick auf dieses Kapitel Autogeschichte, bei der Erinnerung an Reutters Kunden wie Wanderer und Adler, Buick und Porsche, Maybach und Mercedes-Benz dürfte dem Oldtimer-Liebhaber das Herz aufgehen, der schräg gegenüber sein Lokal führt. Ein eigenwilliges Etablissement der Zeitlosigkeit. Seit 20 Jahren lässt der Name dieses Ladens in der Augustenstraße 81 nichts an Präzision vermissen: Er heißt BAR. Chef dieser kleinen Gastro-Rarität ist Ralf Groher (47).

Als wir uns einige Tage vor meinem Spaziergang durch die Augustenstraße treffen, erinnert mich die Stimmung noch ohne Gäste an den Schriftsteller Raymond Chandler: „Diese Bars, so kurz nachdem sie aufgemacht haben für den Abend – da fühle ich mich richtig wohl . . . Der erste stille Drink des Abends in einer stillen Bar – das ist was Wundervolles.“

Die Seele einer guten Bar spürst du schon, wenn sie im ersten Licht ihren Schatten wirft. Gekommen bin ich nicht als Jubiläumschronist, sondern um mit Ralf ein universelles Thema einzukreisen: Was ist eine Bar? Die Übersetzung des englischen Worts „bar“ in Stange oder Schranke als Hinweis auf eine Theke ist für die Beschäftigung mit dem Mythos so hilfreich wie die Feststellung, ein Mercedes-Cabrio sei ein Fahrzeug mit Motor und Lenkrad. Dennoch, auch wenn es wie eine Binsenweisheit klingt, ist der Hinweis auf gute Drinks als Markenzeichen einer Bar heute so nötig wie eh und je: Professionell und liebevoll gemixte Cocktails gab und gibt es nicht allzu oft. Das Metier des Mixens ist vergleichbar mit der Kunst in der Küche. Die Fähigkeit des Bartenders, die richtigen Bestandteile eines Whisky sour in den Shaker zu füllen, garantiert allerdings noch kein Lokal mit Klasse.

Ralf sagt, deine Bar musst du als Raum inszenieren, der in verschiedenen Städten der Welt dieselbe Wirkung erzielen würde. Nichts Typisches aus der Stadt dringt herein. Die Bar fügt sich zwar in ihre Umgebung ein, verzichtet aber auf jede Folk­lore. Im Grunde darf es keine Stuttgart-Bar und keine Berlin-Bar geben. Immer nur eine Bar. Richtig peinlich wird es, sagt Ralf, wenn du anfängst, in deiner Bar New York, Berlin oder London zu spielen. Schon die kleinste Bar muss große Welt genug sein. Diese Betrachtung lässt einen den Kopf schütteln beim Gedanken, dass der Begriff Bar bis heute bei uns in der Provinz oft genug den Animierschuppen des Rotlichtmilieus zugeordnet wird.

Ralf Grohers Bar-Philosophie wäre heute wahrscheinlich eine andere, hätte er nicht einst auf dem Dorf als Ministrant mit seinem Gesangstalent auf sich aufmerksam gemacht. Er erhielt Unterricht, wechselte aber bald schon den Talar mit den Klamotten des Punksängers. Diese Episode des gelernten Autokaufmanns war für seine Barkarriere bedeutender als später die ­Basisarbeit: Er jobbte einige Jahre als Türsteher und Kellner in Stuttgarter Clubs und Cafés. Heute singt er Jazz, Country und Blues in seiner eigenen Band. Mit dem Ralf Groher Quartett und Ralf Groher Quintett, beide RGQ abgekürzt, tritt er auch in seiner Bar auf. Mit dem Akkordeon-Virtuosen und Sänger Stefan Hiss bildete er zuvor einige Jahre das Duo Los Gigantes, gleichzeitig schrieb er deutsche Songs für seine inzwischen aufgelöste Band Die Kronzeugen. Von 2011 bis 2015 kümmerte er sich neben der Bar um die Gastronomie im Bix-Jazzclub.

Keine Frage, Musik spielt in seinem Haus eine entscheidende Rolle. Nicht nur bei der Auswahl der Tonträger, vor allem bei der rituellen Performance jeden Sonntagabend mit erstklassigen Künstlern in der Live-Saison von Oktober bis April. Wie keine andere Lokalität wird eine Bar von ihrer Musik geprägt. Berieselung, die in vielen Kneipen heute den Tatbestand akustischer Um­weltverschmutzung erfüllt, wäre tödlich. In einer Bar geht es in jeder Hinsicht um Abstimmung, um unterschwellige Dramaturgie, die sich nicht auf den Cocktail-Mix reduziert. Diese Lebensart nimmt auch ein Gast wahr, der nur auf ein Bier mit Whisky kommt, weil er sich Cocktails nicht leisten kann. Bars sind keine Vehikel zur Vergangenheitsbeschwörung. „Junge Leute“, sagt Ralf, „lernen heute in amerikanischen TV-Serien viel über die Barkultur.“

Dass Anspruch und Wirklichkeit im Alltagsgeschäft am Tresen nicht immer identisch sind, ist so klar wie die Tatsache, dass der Geist aus der Flasche manchmal größer war als der Geist der Literaten, denen die Bar ihren Mythos zu verdanken hat. Bis heute ehrt das Gewerbe einen seiner größten Helden mit dem Cocktail „Ernest Hemingway Special“: 4 cl weißer Rum, 1 cl Maraschino, 2 cl Grapefruitsaft, Saft einer halben Limette, gestoßenes Eis.

Warum die Bar eine Metapher für das Leben ist, erfahren wir in dem großartigen Gangsterfilm „Carlito’s Way“. Von den Kugeln eines Verräters tödlich verletzt, spricht Al Pacino in seiner Hauptrolle als Barkeeper seine letzten Worte: Erst wird es frostig, und dann schließt die Bar.

Ralf Grohers BAR öffnet täglich abends um acht.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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