Bauers Depeschen


Dienstag, 14. November 2017, 1871. Depesche


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AN DIESEM DONNERSTAG:

FLANEURSALON IN MÖHRINGEN

Am Donnerstag, 16. November, ist der Flaneursalon im Möhringer Bürgerhaus, direkt am Bahnhof, Beginn 20 Uhr. Mit Thabilé & Steve Bimamisa, Loisach Marci und Timo Brunke. Reservierungen sind per E-Mail möglich: vgrosser@gmx.de. Es gibt auch Karten an der ABENDKASSE. Saalöffnung 19 Uhr.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



GUTE STUBE IN GEFAHR

Was ist das für ein mieser Spaziergängersonntag, als ich mit meinem Hugendubel hinausgehe in den Novemberwind. Richtung Marienplatz, zu unserem schwer angesagten, von den Weltbürgern im Kessel zum südlichen „Hotspot“ geadelten Versammlungsort unserer kleinen Gemeinde. Der Asphalt, menschenleer und fischkalt, schimmert wie eine große Pfütze in der ­frühen Dunkelheit. Gegenüber der Zahnradbahn weckt das Licht aus den Kneipen etwas Bahnhofsmission-Hoffnung.

Ach, unsere schönen Plätze. Wie oft schon habe ich über sie mit tiefem Mitgefühl nachgedacht. Gerade erst haben Platz­hirsche im Gemeinderat dafür gekämpft, einen freien Fleck der Stadt „Manfred­-Rommel-Platz“ zu taufen. Den Zuschlag erhielt fürs Erste ein Phantomgelände, das irgendwann einmal auf dem Dach einer Haltestelle innerhalb des Endlosprojekts Stuttgart 21 angelegt werden soll – über dem geplanten Tiefbahnhof.

Nach reichlich Hin und Her verkündete die CDU-Größe Alexander Kotz in sportiven Tönen aus der Tiefe des Rathausraums, man müsse einen Ort wählen, der „eine gewisse Passgenauigkeit zu Manfred Rommel aufweist“. Als alter Freund des tödlichen Passes und der gedanklichen Direktabgabe kann ich da nur raten, dem verstorbenen OB einen Fußballplatz zu widmen. Mein angestammtes Stadion bei den Kickers, im Besitz der Stadt, empfehle ich allerdings nicht – ohne Dach stehen seine hässlichen, freigelegten Strahlträger herum wie nach einem passgenauen ­Bombenabwurf der Alliierten. Ich bitte auch dringend, den Platz auf Stuttgarts künftigem Dach der Welt immer nur „Manfred-Rommel-Platz“ zu nennen – oder bei Zeitnot penibel auf die korrekte und offene Aussprache des Buchstabens „o“ im Namen zu achten. Ein schwäbisch genuschelter „Rommelplatz“ könnte leicht zur Verwechslung mit dem Cannstatter Wasen führen.

Pardon. In meinem Hang zum langen, englischen Pass in den Strafraum bin ich etwas abgeschweift von meinem Hotspot. Vom Marienplatz geht es weiter in die Römerstraße, zum schmalen Haus Nummer 8. Hier, zwischen Hauptstätter und Tübinger Straße, führt die Italienerin Loretta Petti ihren Kaufladen mit feinem Mittagstisch. Sonntags hat ihre Oase des kleinen Glücks geschlossen, aber ich schneie herein, als käme es darauf an diesem Novembertag nicht mehr an. Loretta trägt eine Schürze, sie muss im Laden nach dem Rechten sehen.

Seit Längerem war ich nicht mehr in dieser kunterbunten Kulturinsel namens Alimentari da Loretta, gleich neben dem Friseurladen Schnittstelle und der amerikanischen Freikirche Mosaik Church. Und womöglich habe ich auch nicht mehr allzu oft Gelegenheit: Die Chefin dieses Biotops hat neulich die Kündigung ihrer Räume zum Oktober 2018 erhalten.

Eine traurige Geschichte. Der Hausbesitzer, sagt Loretta, sei lange ein guter Freund gewesen. Als ihr der frühere Eigentümer vor sieben Jahren das Haus mit Laden und Wohnungen für eine faire Summe zum Kauf angeboten habe, habe sie nach Gesprächen dem Freund das Gebäude zum Kauf überlassen. Sie habe ihm vertraut und gedacht, sie könne für immer bleiben.

Loretta Petti ist inzwischen 67 Jahre alt und muss aus existenziellen Gründen noch einige Jahre arbeiten. Sie hat in der Römerstraße 8 nicht nur den schönen Alimentari (zu Deutsch: Lebensmittelladen), sondern auch ihre Wohnung – die ihr ebenfalls gekündigt wurde: Eigenbedarf. Solche Geschichten sind nicht unüblich in Gegenden wie am Marienplatz, wo Stadtviertel durch neue Bars und Restaurants attraktiver und teurer werden, wo Immobilien von der Gentrifizierung „aufgewertet“ und Menschen verdrängt werden.

Nun aber ist die umtriebige und redegewandte Köchin Loretta nicht nur die Seele ihrer guten Stube, sondern auch eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt, eine Institution – ihr Alimentari Anlaufstelle für viele Stammgäste und Künstler. In ihrem Keller, Kulturgarage genannt, treten regelmäßig Komödianten, Autoren und Musiker auf. Sie präsentiert Reihen wie „Löffeln und lauschen“ und „Jazzen und schmatzen“.

Zu den Bühnenprotagonisten und Stammgästen zählt der Vibrafonist, Bandleader und ehemalige Verlagsmanager Roland Weber aus Heslach. Er will versuchen, möglichst schnell mit dem Hausbesitzer über den Erhalt der kleinen Spielstätte zu verhandeln. „Wenn Loretta schließt, wird in diesem Viertel etwas fehlen, das niemand mehr ersetzen kann“, sagt der Musiker.

Seit Langem verbunden ist Loretta – sie führte bis 2014 auch ein Lokal im Hospitalviertel – mit der Stuttgarter Initiative Die Anstifter. Diese interkulturelle Organisation, einst von dem Kabarettisten und politischen Aktivisten Peter Grohmann mitbegründet, hat inzwischen eine Petition gestartet. In dem Aufruf zum Erhalt des Ladens heißt es: „Lyrik, Lieder und die Leidenschaft für eine gute Küche. Jazz und ein guter Espresso, Kleinkunst, Filme, Überlebensmittel: Loretta muss bleiben! In mehr als 30 Jahren ist in der Römerstraße 8 ein Kleinod entstanden – ein Ort der Kultur, Kommunikation und kulinarischen Köstlichkeiten, der nun durch die Kündigung der Gewerbe- und Wohnräume in höchster Gefahr ist. Loretta Petti hat diesen Ort 1996 gerettet, gestaltet und große Summen investiert und eine lebendige, interkulturelle Nachbarschaft geschaffen.“

Loretta wurde in Montepulciano in der Provinz Siena geboren und kam 1973 zur Fortsetzung ihres Studiums aus der Toskana nach Tübingen – „auf der Suche nach den großen deutschen Philosophen“. Sie engagierte sich in kulturellen Initiativen in Deutschland und Italien; von 1989 bis 1991 war sie Geschäftsführerin des Festivals „Cantiere internazionale d’arte“ in Montepulciano, gegründet vom dem großen deutschen Komponisten Hans Werner Henze.

Es regnet immer noch in Strömen, als ich mich von Loretta verabschiede. Vor dem Haus steht ihr Lastenfahrrad für die Einkäufe. Loretta, denke ich, du wirst noch einmal verdammt strampeln müssen, um über die Runden zu kommen. Was soll man sagen? Auf keinen Fall Tschau. Noch ist der Laden geöffnet.

Auf Wiedersehen.

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