Bauers Depeschen


Samstag, 23. September 2017, 1848. Depesche


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HEUTE DEMO GEGEN RECHTSRUCK

An diesem Samstag, 23. September, veranstaltet das Stuttgarter Bündnis gegen Rechts die Demo "Nein zur AfD - Gemeinsam gegen den Rechtsruck". Treffpunkt: 13 Uhr auf dem Stauffenbergplatz vor dem Alten Schloss.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

UNTER TAGE

Es ist morgens um halb neun. Der Wikinger hat seit einer halben Stunde geöffnet, als ich im Untergrund meinen Arbeitsplatz einnehme. In der Kneipe am Eingang zur U-Bahn-Station Charlottenplatz lärmt das Radio. Ich wechsle ein paar Sätze mit der Kellnerin. Sula ist Griechin und sehr freundlich. Sie stellt das Radio leiser.

Die merkwürdige Idee, ins Dunkel der U-Ebene zu flüchten, kam mir beim Aufwachen im Morgengrauen. Womöglich hatte ich zwei Tage vor der Wahl genug davon, bei jedem Schritt durch die Stadt den unwirklichen, von Designern operierten Plakatgesichtern zu begegnen. Die meisten dieser Politiker kenne ich nicht persönlich. Weil sie schon seit Wochen in der Gegend herumhängen, lösen sie in mir nichts mehr aus. Ich kann sie bloß nicht mehr sehen.

Um neun haben außer mir drei weitere Männer im Wikinger Platz genommen. Stammgäste, man kennt sich. Bevor ich auf dem Tisch in einer Ecke der Kneipe meinen kleinen Laptop startklar mache, hab ich am Eingang ein gemeinsames Plakat des Staatstheaters und des Musikclubs White Noise gesehen. Es hat mir gesagt, dass ich auf dem richtigen Weg bin: Das Poster wirbt für das Bühnenprojekt „Last Exit to Paradise“ – „Letzter Ausgang zum Paradies“. Willkommen im Wikinger.

In die Rhythmen der Popsongs aus dem Radio mischen sich die Stimmen der Gäste, das dezente Glucksen der Spielautomaten und das ferne Wummern und Kreischen der ein- und ausfahrenden Stadtbahnen. Mir gefällt dieser Sound. Und schön wie in einem Kammerspiel fürs Kino ist die Lichtinszenierung mit den verschnörkelten, an Ketten hängenden Laternen über dem Tresen und dem grell-bunten Blinken der Daddelmaschinen.

In vielen Provinzdebatten über das Bild der Stadt fällt häufig das ausgelutschte Wort „urban“. Vor der Treppe hinunter zum Wikinger, auf der Seite der Esslinger Straße am Eingang zum Bohnenviertel, liegt die enge Kanalstraße. Sie beginnt mit der Gaststätte Kiste, bis heute an der Fassade mit dem Begriff ­„Restauration“ geadelt. Dieses alte Wort steht für Restaurant und hat nichts mit der Wiederherstellung politischer Zustände zu tun. Schon gar nicht mit Zuständen nach der Vorstellung einer Partei, die nach der Wahl am Sonntag erstmals in den Bundestag einziehen wird. In der Kanalstraße gibt es ein Friseurgeschäft, das sich noch „Friseur“ für „Damen + Herren“ nennt. Und nicht „Hairforce Cut & Style“. Daneben das Schriftstellerhaus, so schmal und eng, dass man vor dem Betreten Jackett und Hut ablegen sollte. Danach kannst du deinen endgültigen Unterwelt-Roman schreiben. Am Abend vielleicht noch etwas Safranreis beim benachbarten Perser. Und am Treppeneingang zur U-Bahn in der Glas- und Metall-Bar Klotz einen Drink – bevor du im Wikinger in die wahre Welt eintauchst. Solche Stadtlandschaften nennt man zurecht urban.

An der Bar haben Gäste zu würfeln begonnen. „Sechzehn Große“ – wenn du weißt, was ich meine. Die Geräusche des Lederbechers, das Klimpern der geschüttelten Würfel und das Krachen des Bechers beim Aufprall auf dem Holztresen klingen wie immer prickelnd und schicksalhaft. Wenn du dein Kuvert mit dem angekreuzten Wahlzettel in die Urnen steckst, hörst du so gut wie nichts. Aber du ahnst, dass du das Spiel wieder mal verloren hast.

Bekanntlich entscheiden sich am Wahltag viele Menschen für das bis zum Erbrechen beschworene kleinere Übel. Neben dem kleineren Übel gibt es mittlerweile auch üble und übelste Kleine.

Im Wikinger-Radio besingt Rod Stewart mit betörender Kettenraucherstimme „Baby Jane“: „Du bewegst dich jetzt in der High Society, aber vergiss nicht, ich kenne Geheimnisse von dir …“ Klatsch- und Tratschhefte verkaufen sich immer noch gut, sagt Stefan, einer der Kioskmänner im Untergrund. Bevor ich in den Wikinger eingetaucht bin, hatte ich mit Stefan auf der anderen Seite der Gleise geplaudert. Mir fiel ein, dass ich ihn vor ziemlich genau zehn Jahren eines Morgens um fünf besucht hatte, um eine kleine Kolumne über seine Arbeit unter Tage zu schreiben. Über das Leben im künstlichen Licht. Heute beginnt er seinen Job schon morgens um vier. Es gibt am Kiosk nicht weniger Zeitungen, Illustrierte und Heftchen als vor zehn Jahren. Damals waren es tausend Titel, heute sind es noch mehr. Nachgelassen hat das Geschäft mit Herrenmagazinen und ähnlichen Produkten, sagt Stefan. Sex ist längst eine Internetdomäne und Pornografie im Netz Volkssport. Erstaunlicherweise werden wie eh und je Groschenhefte gekauft, Liebesromane und Schmuddelgeschichten aus der Arztpraxis. Die „Landser“-Hefte zur Verherrlichung des Kriegs und Hitlers Wehrmacht gibt es seit ein paar Jahren nicht mehr. Ersatzweise aber die Reihe „Weltkrieg“. Für 2,25 Euro werden der treudeutschen Leserschaft ­„Erlebnisberichte“ untergejubelt – 72 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vermutlich von Untoten verfasst: „Es war im Januar 1943, und dies weiß ich ganz genau, weil wir damals im Bunker über das Radio den Untergang der Stalingrader Armee miterlebt haben . . .“ (Originaltext).

Den Kiosk neben dem Wikinger leitet seit mehr als zehn Jahren Uli. Wir treffen uns in der Kneipe. Morgens zwischen drei und halb vier lässt er den Rollladen hoch. Der Kundenandrang ist zurückgegangen. Wegen der Bauarbeiten für Stuttgart 21 wurde der Stadtbahnverkehr umgestellt und der Charlottenplatz als Umschlagplatz geschwächt.

Bei mir im Wikinger sitzen inzwischen ein paar Gäste mehr, Frauen in der Unterzahl. Freundschaftliches Eckkneipenklima. Dank Sula läuft das Radio immer noch leise. Ich erinnere mich, dass die amerikanische Nobelpreisträgerin Toni Morrison einst einen Roman mit dem Titel „Sula“ geschrieben hat. Zurzeit lese ich ihr neues Buch, „Gott, hilf dem Kind“, eine berührende Auseinandersetzung mit dem Rassismus.

Damit sind wir wieder bei den Wahlen. Es ist Mittag geworden, und ich kann mich nicht länger im Keller der Stadt verstecken, bis alles vorbei ist. Der Akku meines Laptops schwächelt. Auf Wiedersehen, Wikinger. Was für ein schöner Außenposten für den Stadtspaziergänger.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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