Bauers Depeschen


Dienstag, 19. September 2017, 1845. Depesche


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DEMO HALLSCHLAG: Gegen Mietwahnsinn

Am diesem Donnerstag, 21. September, findet eine Kundgebung der Mieterinitiative Hallschlag statt: "Gegen Abriss- und Mietwahnsinn". Hallschlag, Rostocker Straße 2-6, vor dem Kundencenter der SWSG. Dort sagt auch unsereins ein paar Sätze. Beginn 17.30 Uhr,



JOE BAUERS FLANEURSALON live am Dienstag, 17. Oktober, im Club Four 42 in Untertürkheim. 20 Uhr. Mit Rolf Miller, Loisach Marci, Anja Binder. Reservierungen: EASY TICKET - ACHTUNG: Zwei Drittel der Karten für den bizarren Industriekeller in der Augsburger Straße 442 sind bereits weg. Leichte Anfahrt mit S-Bahn, SSB (Linien 4 und 13), Busse - nur kurzer Fußweg vom Untertürkheimer Bahnhof. Auch Parkplätze vorhanden.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

VOM AUFRÄUMEN

Ich war ein paar Tage in Ferien, weg vom Schreibtisch und aus der Stadt. Unterwegs habe ich mir in einem Museum einen schlanken, französisch beschrifteten Stift gekauft – mit aufgedruckten Anweisungen für die komplette Woche. Montags, sagte mir mein Stift, solle ich mir einen Film anschauen, dienstags eine Platte anhören, mittwochs einen Roman lesen, freitags ein Billet kaufen und samstags und sonntags verreisen. Nach einer Art vorauseilender Gedankenübertragung hatte ich diese Dinge schon erledigt, bevor ich den Stift kaufte. Nur einen Rat habe ich bis heute ignoriert: Am Donnerstag werde ich kein Gedicht verfassen. Hör mal zu, Stift, habe ich gesagt: Sogar mittwochs lass‘ ich es bleiben / donnerstags ein Gedicht zu schreiben.

Diese Strophe müsste als Nachweis für mein Lyriktalent genügen, wobei ich sagen muss: Es ist nicht die richtige Zeit, auf Anweisung eines Stylos schöne Verse zu tippen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, verehrte Leserinnen und Leser. Nur ein paar Tage vor der Bundestagswahl hätte ich ein schlechtes Gewissen, würde ich mir einen rosaroten Reim auf die Zukunft machen. Wir wissen, dass Rechtsnationale und Nazis als Partei in den Bundestag einziehen ­

werden. Viele Zeitgenossen sind von dieser Tatsache auch deshalb überrascht, weil sie vergessen haben, dass bereits mehr als 20 AfD-Abgeordnete die stärkste Oppositionspartei im Stuttgarter Landtag stellen.

Zurzeit gelingt es mir kaum noch, ohne schlechtes Gewissen Filme zu schauen, Romane zu lesen oder Platten zu hören. Irgendwo trage ich vermutlich noch einen anderen Stift mit mir herum, und der sagt mir: Tu was, du bequemer Sack, deine demokratische Pflicht endet nicht damit, am Sonntag wählen zu gehen – ausgerechnet in der Hasenbergschule. Manchmal hab ich den Verdacht: Ich war zu lange in der Hasenfußschule.

Die Hasenbergschule ist in der Bebelstraße, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sie August Bebel gewidmet. „Um schwimmen zu lernen, muss ich ins Wasser gehen, sonst lerne ich nichts“, hat der Ur-Sozi mal gesagt. Würde er noch leben, müsste ich ihn fragen: Genosse August, du warst nicht in der Hasenfußschule, sag mir: In welchem Wasser lerne ich schwimmen? Womöglich steht es uns schon bis zum Hals.

Natürlich sollte ich nicht den ganzen Tag an die Politik und den braunen Sumpf denken, sondern Filme anschauen, Romane lesen und Platten hören. Nachdem ich das ein paar Tage lang sogar gemacht und mir auf Wunsch meines Stifts eine Fahrkarte gekauft hatte, stöberte ich in der Bahnhofsbuchhandlung von Kassel herum, in der Hoffnung, etwas zur Zerstreuung zu finden. Aber kann sich ein Menschen zerstreuen, so lange er noch ganz bei Trost ist?

Als Stuttgarter Weltkesselbürger wählte ich dann die deutsche Ausgabe eines japanischen Buchs von Frau Marie Kondo mit dem Titel „Magic Cleaning“. Das Buch handelt von der Kunst des Aufräumens und ist dem Vernehmen nach so berühmt, dass es vor meinem Kauf weltweit schon jeder gekannt hat – außer mir. Auf dem Buch­deckel steht, es befreie nicht nur das „Zuhause von unnötigem Ballast“, sondern auch die Gedanken. Daraus schloss ich, dass mein neuer Ratgeber noch weit anspruchsvollere Ziele verfolgt als beispielsweise die Kasseler „Dreck-Street-Boys“. Mit diesem Schriftzug auf ihren Müllautos unterlief den hessischen Stadtreinigern bei der 14. Documenta ein kleiner Fehler: Auf einer Straße vernichteten sie versehentlich die politische Widerstandsbotschaft der chilenischen Künstlerin Lotty Rosenfeld. Dieses Missgeschick erinnert an ein Leverkusener SPD-Fest im Jahr 1973, als zwei eifrige Genossinnen im Museum Schloss Morsbroich eine Badewanne vom Plunder befreiten und sie so lange mit Ata scheuerten, bis sie glänzte wie neu. Dass die SPD-Frauen damit ein Werk von Joseph Beuys zerstört hatten, erfuhren sie erst nach ihrem Großputz – so wie die meisten Sozialdemokraten bis heute immer erst mit viel Verspätung mitbekommen, was man unter zeitgenössischer Kunst versteht. Zu sehr sind sie mit ihrer „politischen Kultur“ beschäftigt, was auch daran liegt, dass heute viele wandelnde Kulturbeutel das Wort „Kultur“ zwanghaft erweitern. Diese Unkultur hat etwas mit den Vermarktungschancen der Ereigniskultur zu tun. Jede Spülwasserklitsche nennt sich heute „Kulturcafé“, und auf jedem Straßenfestplakat steht vollkommen sinnlos „Kunst und Kultur“ – als wäre Kunst keine Kultur.

Mein neues Buch allerdings hat nicht unbedingt mit Kunstkultur oder Kulturkunst zu tun. Es lehrt uns vielmehr banales „Aufräumen“ – „ein Wort, das für viele von uns mit den übelsten Kindheitserinnerungen verbunden ist“, heißt es auf Seite eins. Mich erinnert „Aufräumen“ an meine Jugend, als Gestalten aus der guten, alten Nazizeit den Befehl erteilten, mal wieder „gründlich aufzuräumen“. Gemeint waren nicht Klamotten, Schuhe oder übrig gebliebene Hakenkreuze. Sondern Menschen – erst langhaarige „Gammler“, später bunte Punks, die es aus dem öffentlichen Leitkulturraum zu entfernen galt.

Seit jeher beherrscht reaktionäre Hirne der Drang zum rücksichtslosen Aufräumen. Ihre Art, zu säubern, kennen wir nicht nur von früher. Erst vor Kurzem brachte der AfD-Spitzenkandidat Gauland seinem jubelnden Anhang bei, wie man die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, „in Anatolien entsorgen“ könne.

Leider hat mich das Büchlein „Magic Cleaning“ vom psychiatrischen Problem der Wohnungsentrümpelung in die Niederungen geistiger Verschmutzung geführt. So empfand ich es geradezu als Wohltat, als ich nach meiner Rückkehr in die Heimat von der Bahnhofsruine ins Kunstgebäude eilte. Der Kunstverein zeigt zurzeit die Ausstellung „Wie der Punk nach Stuttgart kam“. Nach meinem Hirnen über den Hygiene- und Entsorgungswahn der Gestrigen sah ich mit großer Freude, wie mitten im Schmuddel Schönes gedeihen kann – darunter freie Gedanken, auf Schreibmaschinentasten hineingestreichelt in ein Magazin namens „Dreck“. Völlig aufgeräumt, nahezu mit mir im Reinen, verließ ich die Punk-Schau und wusste: Im Unrat des Stuttgarter Untergrunds gab es mal Helden. Und nicht nur Hasenfüße.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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