Bauers Depeschen


Donnerstag, 07. September 2017, 1842. Depesche


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JOE BAUERS FLANEURSALON live am Dienstag, 17. Oktober, im Club Four 42 in Untertürkheim. 20 Uhr. Mit Rolf Miller, Loisach Marci, Anja Binder. Reservierungen: EASY TICKET



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Die aktuelle StN-Kolumne:

WÄHLEN IST WIE SEX

Am Hans-im-Glück-Brunnen findet von heute bis zum Samstag das Brunnenfest statt. Dieser Ort mit seinen Bars und Kneipen gehört offiziell zum Stadtteil Rathaus – und diese Herrschaftsadresse bringt mich auf ein paar Gedanken zur Bundestagswahl.

Womöglich sind ja Wahlen trotz läppischer TV-Shows mit Turnhallenslogans wie „Das Duell“ oder „Fünfkampf“ eine ernst zu nehmende Sache. Schon deshalb, weil es sie noch gibt. Und wieder mal schweife ich ab in die Stadtgeschichte.

Anfang des 20. Jahrhunderts hat Eduard Pfeiffers Verein für das Wohl der arbeitenden Klasse im historischen Stadtzentrum an der Geißstraße die heruntergekommenen Häuser sanieren lassen. Zum Abschluss der Bauarbeiten wurde 1909 der Hans-im-Glück-Brunnen eingeweiht. Bald darauf bezog die KPD das Haus Geißstraße 4. In diesem Gebäude gab die Partei bis zu ihrem Verbot 1933 durch die Nazis die „Süddeutsche Arbeiterzeitung“ heraus – und nach 1945, bis zu ihrem erneuten Verbot 1956, die „Volksstimme“. Im KPD-Haus verkehrten Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Willi Bohn und der Dramatiker und Arzt Friedrich Wolf. Später wurde die Geißstraße 4 Sitz des „Wochenblatts“. Heute sind im Erdgeschoss Stadtbüros der Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung.

Dem Bankier und Genossenschaftler Eduard Pfeiffer (1835 bis 1921) hat Stuttgart Siedlungen mit vorbildlicher Architektur zu verdanken, darunter die bis zuletzt mietgünstigen, inzwischen geräumten Häuser in der Botnanger Beethovenstraße. Der Bau- und Wohnungsverein Stuttgart lässt sie trotz intakter Substanz abreißen, um teurere Wohnungen bauen. Pfeiffer hat sich für die Belange der Arbeiter eingesetzt, ihnen mit dem Architekten Karl Hengerer lebenswerte Quartiere geschaffen – und den Reichen die Leviten gelesen: Sie sollen sich gefälligst um das Los derer kümmern, denen sie ihren Reichtum verdanken.

Im Aushang der Straßenbahnstation habe ich im „Amtsblatt“ die Ergebnisse einer Bürgerbefragung gelesen. Am schlechtesten abgeschnitten hat das Thema „Wohnungsangebot/Wohnungsmarkt“ – noch schlechter als die Punkte „öffentliche Verkehrsmittel“ und „Luftqualität“. Obwohl Mietexplosion und Wohnungsnot immer mehr Menschen mit durchschnittlichen oder niedrigen Einkommen bedrohen, wird das Thema von der Politik klein geredet. Es gilt als Privatproblem. Es gibt bei uns nur wenige Proteste, die in Ländern mit freien Wahlen bekanntlich erlaubt sind.

Weit mehr Aufmerksamkeit erzielen einige Prominente, die unter dem Vereinsnamen „Aufbruch Stuttgart“ eine neue, von der Stadtautobahn nicht tranchierte Kulturmeile im Schlossgartenbereich fordern – ohne die fatale Immobilienpolitik oder die rigorosen S-21-Eingriffe in der Stadt auch nur zu erwähnen. In ihrem Fall machen führende Politiker in Stadt und Land sofort den Bückling. Handelt es sich schließlich nicht um Schmuddelkinder mit Hang zum Protestieren. „Demonstration“ ist ein ­Begriff, der nach dem Verständnis des „Aufbruch“-Vorsitzenden „in Stuttgart keinen guten Klang“ hat – und deshalb bei einer eigenen, als Demo angemeldeten Aktion vermieden wird, auch wenn er der amtlichen Kostensenkung dient. Die Aufbrecher führen mit ihrem seit mehr als 30 Jahren diskutierten Thema eine kessel- typische Think-big-Nummer vor: Ihr weltläufiger Blick gilt Städten wie ­Melbourne, Kopenhagen und New York, also nur Orten auf Stuttgarter Niveau.

Nun gibt es gegen ein sinnvoll gestaltetes Kulturquartier im Schlossgarten nichts zu sagen. Die hässliche Straße zwischen Staatsgalerie und Staatstheatern muss weg. Weit dringender aber ist inzwischen die Frage, von welcher Klientel diese Stadt zusehends vereinnahmt wird – und wo die vielen anderen Menschen bleiben.

Noch bin ich bei meinen Gedanken zur Politik und Wahl nicht vollends in jenem geistigen Primark-Delirium gelandet, das die Satirikerpartei Die Partei in Anlehnung an ein CDU-Plakat verspottet: „Für ein Deutschland, in dem wir supi dupi und mega nice leben.“ Doch sind es nicht Supi-Dupi-Deppen, die sich immer weniger in der Lage sehen, eine der gängigen Parteien aus Überzeugung zu wählen. Was soll man tun? Mein wichtigstes Argument, nach wie vor wählen zu gehen, ist inzwischen neben oppositionellen Rechenspielen vor allem dies: Mit meinem Kreuz plädiere ich grundsätzlich für freie Wahlen – auch im Wissen, was uns einst Herbert Wehner gelehrt hat: „Der Wähler legitimiert mit seiner Wahl die Entscheidung, die später gegen ihn gerichtet wird.“

Mit dem Bekenntnis zur Wahl, denke ich, fordert man gleichzeitig auch sein Recht auf Protest. Solange Parlamente demokratisch an die Macht gewählt werden, haben sie auch die verdammte Pflicht, demokratische Rechte zu schützen und zu verteidigen – wie gegen die Neue Rechte und völkische AfD-Parlamentarier.

Gelegentlich nehme ich ein kleines Buch des US-amerikanischen Historikers und Trump-Gegners Timothy Snyder zur Hand. Unter dem Titel „Über Tyrannen“ hat er in einfachen Worten „Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ aufgeschrieben. Obwohl diese Kapitel vorwiegend auf die Trump-Regierung zielen, lassen sie sich ohne Weiteres auf uns übertragen. In seiner Lektion „Hüte dich vor dem Einparteienstaat“ erwähnt der Autor einen Romanprotagonisten des großen Schriftstellers David Lodge. Wenn man zum letzten Mal Sex habe, sagt der Mann im Roman, wisse man nicht, dass man zum letzten Mal Sex habe. „Mit dem Wählen ist es genauso“, schreibt Snyder.

Also müssen wir wohl oder übel noch mal in den Clinch gehen, bevor das Kind in den Hans-im-Glück-Brunnen gefallen ist.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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