Bauers Depeschen


Samstag, 02. September 2017, 1840. Depesche


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SCHADE, es ist etwas ruhig geworden - ist doch hier der Platz aller Dichter und Denker, Richter und Henker:

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JOE BAUERS FLANEURSALON live am Dienstag, 17. Oktober, im Club Four 42 in Untertürkheim. 20 Uhr. Mit Rolf Miller, Loisach Marci, Anja Binder. Reservierungen: EASY TICKET



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MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

NIE WURDE EINEM MANN BESSER GEHOLFEN

Das Wetter war schuld, dass ich Casanova begegnet bin. Weil es heftig geregnet hat, wollte ich nicht zu weit weg von meinem westlichen Heimathafen. Mit einem Donnerschlag war die unerträgliche Augustschwüle aus der Stadt verschwunden, wenn auch nicht so dramatisch, wie es Rainer Maria Rilke am 5. September 1915 in seinem Brief an die Stuttgarter Malerin Mathilde Vollmoeller-Purrmann formulierte: „. . . der Herbst vollzieht sich mit einer Plötzlichkeit, die einen in allen Entschlüssen überholt, sieht man hinaus, so denkt man, man müsste schon dort sein, wo es um einen Winter werden dürfte.“

Wie ihr Bruder, der weltmännische Dichter und Drehbuchautor Karl Gustav Voll­moeller („Der blaue Engel“), schrieb Mathilde aus Rücksicht auf ihr internationales Schaffen ihren Nachnamen mit Umlaut (oe). Die Künstlerin, verheiratet mit dem Maler Hans Purrmann, und Karl waren Kinder von Robert und Emilie Vollmöller, die in Vaihingen eine Textilfabrik mit 3000 Beschäftigten besaßen. Die Unternehmerfamilie engagierte sich für die Belange der Arbeiter und förderte die Künste. Ihre Fabrik, im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut, wurde 1971 endgültig geschlossen. Das Grab der Familie findet man auf dem Pragfriedhof. Ihre bewegende Geschichte habe ich ab und zu schon erwähnt. Vielleicht wird sie eines Tages doch noch öffentlich aufgearbeitet in ihrer Heimatstadt. Anlass dafür gäbe es: Der Geburtstag Karl Gustav Vollmoellers jährt sich am 7. Mai 2018 zum 140. Mal, sein Todestag am 18. Oktober 2018 zum 70. Mal.

Im Regen gehe ich die hässliche, lärmende Rotebühlstraße hinunter. Durchs Fenster sehe ich Handwerker im Restaurant der Kleinkunstbühne Rosenau arbeiten; kommende Woche eröffnet das Lokal frisch renoviert. An der Ecke Paulinenstraße, wo im Herbst vergangenen Jahres der Liveclub Zwölfzehn wegen Mieterhöhung schließen musste, wird zurzeit eine „schwäbische Tapas-Bar“ (Eigenwerbung) eingerichtet. Tapas kennen wir als spanische Häppchen, Beiwerk für Getränke. Bei schwäbischen Tapas handelt es sich anscheinend um Dinge wie Sauerkraut und Kässpätzle in kleinen Portionen. Am Schaufenster steht in großen Buchstaben: „Hunger? Bald kennad Sia dohannadrenna so richtig nei haua.“ Darüber will ich mich nicht weiter auslassen, tippte ich mir doch schon unterwegs bei der Lektüre ans Hirn und fragte mich, was dohanna wohl drenna sein könnte. Sei’s drum. Die Filiale einer Tübinger Gaststätte soll noch in diesem Herbst eröffnet werden – und wie das Stammhaus „Bären“ heißen.

Ich gehe in die Bärenstraße, eine enge Gasse zwischen Markthalle und Marktplatz. Vorn an der Ecke das Restaurant Arche, mittendrin das Bistro Lausterer, gegenüber das Wettbüro Bet 3000. Immer wenn ich an dieser alten, ständig neu aufgerüsteten Zockerbude vorbeigehe – leider zu feige, um mein Geld beim Pferderennen auf eine gottverdammte Mähre zu setzen –, denke ich an Casanova. In dieser Ecke in der Nähe des Rathauses stand einst der wahre Bären: ein Gasthof, der uns bis heute an diese pikante Geschichte erinnert.

Am Morgen des 1. November 1756, einem trüben Herbsttag, flieht Giacomo Casanova in einer halsbrecherischen Aktion aus Venedigs berüchtigten Bleikammern des Palastes, den „Piombi“. 15 Monate war er wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Religion ohne Anklage eingekerkert. Schon damals hat er nicht nur den Ruf als Abenteurer und Frauenheld, er gilt auch als begnadeter Schriftsteller. Ein Universalgenie, das sich schon als Halbwüchsiger den Doktortitel der Rechte erworben hat.

Wenige Jahre nach seinem spektakulären Ausbruch landet er auf seiner endlosen Flucht in Stuttgart, wo am Hof Herzog Karl Eugens seit 1760 der Franzose Jean Georges Noverre als Ballettdirektor dient. Casanova logiert im Gasthaus Bären. Er besucht nicht nur Ballett und Oper, wo ihm der Herzog, ebenfalls ein erfahrener Womanizer, persönlich die Erlaubnis zum Klatschen erteilt und sogar selbst mit einsteigt, obwohl es normalerweise verboten ist, seine Hoheit im Theater mit Applaus zu stören.

Eines Abends wird Casanova von drei Offizieren überredet, zwei angeblich italienische Mädchen zu besuchen. Er landet im dritten Stock eines miesen Gebäudes, wo er scheußlichen ungarischen Wein trinkt und Karten spielt. Der Fusel setzt ihm dermaßen zu, dass man ihn später mit der Sänfte zum Bären zurücktragen muss – was nicht weiter schlimm wäre, hätte er im Puff nur vorübergehend seinen Verstand versoffen. Dummerweise aber hat er auch noch einen Schuldschein über 4000 Louis hinterlassen. Fast mittellos wird er bald schon in seinem Gasthof unter Hausarrest gestellt. Erneut droht ihm Knast.

Nach einigen Tagen unter militärischer Bewachung im Bären, notiert er später, sind es wieder mal „reizende Frauen“, die ihm aus der Patsche helfen: Zwei Damen „zogen mir ein Seil unter den Armen quer über die Brust, hielten jede ein Ende fest und ließen mich nach und nach sehr sanft und sehr bequem ohne die geringste Gefahr hinabgleiten. Niemals wurde einem Mann bei der Flucht besser geholfen.“

Seine Stuttgarter Erlebnisse hat er in einem Kapitel seiner „Erinnerungen“ aufgeschrieben, teilweise lesen sie sich wie ein erstklassiger Thriller und beweisen, dass es in Stuttgart seit jeher ein mafiöses Nachtleben gibt. Selbst wenn es stimmt, dass die Stadt bei Einbruch der Dunkelheit die Bürgersteige hochklappen ließ, dann doch nur, um das Treiben hinter den feudalen Mauern vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Rilkes Herbstgedanken haben mich über die Vollmöllers in den Bären geführt. Diesen Gasthof darf man übrigens nicht verwechseln mit dem einstigen Gasthaus zum Bären im Bohnenviertel. Casanovas Herberge wurde 1791 abgerissen. Den Bären an der Esslinger Straße, wo heute das Breuninger-Parkhaus steht, haben 1897 die Gewerkschaften erworben. Vor der Eröffnung ihres neuen Gebäudes am 1. Mai 1933 in der heutigen Willi-Bleicher-Straße war dieser Ort das Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Dann kamen die Nazis. Davon ein andermal.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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