Bauers Depeschen


Donnerstag, 24. August 2017, 1834. Depesche


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Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

HERZ UND LUNGE

Bevor dieser heiße Sommer zu Ende geht, muss ich wieder mal von einem Fall typischer Betriebsblindheit in eigener Sache berichten. Seit Jahrzehnten besuche ich regelmäßig die schöne Waldau in Degerloch, beschränke meine Scheuklappensicht aber in aller Regel auf den Platz der Stuttgarter Kickers, offiziell Gazi-Stadion auf der Waldau genannt. Die ersten beiden Silben dieses Namens hat 2004 ein Unternehmer gekauft, dessen Ayran­-Getränke uns Stadionbesucher eher selten über die Auftritte unserer Fußballer hinwegtrösten.

Grundsätzlich habe ich den südlichen Stadtbezirk Degerloch nicht angemessen auf dem Schirm. Sicher ist, dass dieser Ort bald wieder eine Rolle in den Medien spielen wird. Der Deutsche Herbst jährt sich im September/Oktober zum 40. Mal: die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers, das Drama um die Lufthansamaschine „Landshut“, die Beerdigung der RAF-Terroristen auf dem Degerlocher Dornhaldenfriedhof und die anschließende Zusammenkunft der Trauernden bei den Wirtsleuten Eugen und Inge Maier im Fäßle in der Löwenstraße.

Diese Geschichte ging mir durch den Kopf, als ich mich ohne ein anstehendes Spiel auf der Waldau herumtrieb. Da saß ich mit meinem maximal fünfköpfigen Männerverein zur Erkundung der heimischen Mittagsgastronomie in einer Vereinsgaststätte namens Der Grieche im Grünen.

Das Privileg, bei herrlichem Wetter ­mitten unter der Woche am helllichten Tag im riesigen Garten dieses schönen Ausflugsrestaurants herumzulungern, verschafft dem Kleinbürger in mir prompt ein schlechtes Gewissen. Allein der Gedanke, was andere Leute in einer solchen Stunde alles erleiden müssen. Etwa Millionen tapferer Menschen, die im Schweiß ihres Angesichts einer anständigen und deshalb mies bezahlten Arbeit nachgehen. Oder die armen Milliardäre, die ihre Jacht vor der New Yorker Freiheitsstatue ankern müssen, weil sie keinen Bock haben, immer nur in ihrem Geld zu schwimmen.

Tatsächlich bietet Degerloch die Möglichkeit, sich einer der sinnvollsten Leibesübungen in dieser Stadt zu widmen: dem freien Atmen. Gegenüber vom Griechen im Grünen residiert der Luftbadverein. Noch keine Minute habe ich etwas ratlos meine Nase durch das offene Eingangstor gestreckt, da klärt mich eine freundliche, mit Bikini bekleidete Dame auf: Ich sei in einem Schwimmbad ohne Schwimmen gelandet. Dieses Bild gefällt mir. Ein Freibad ohne Schwimmbecken ist so etwas wie eine Fußballplatz ohne Fußball: also eine Kultstätte wie das Kickersstadion, wo ich oft Fußballspiele ohne wirklichen Fußball erlebe. Macht nichts. Hauptsache, die Luft ist gut.

Das Degerlocher Luftbad gibt es seit 1903 und verwirrt den Spaziergänger weit weniger als sein Fußballplatz. Ein ausgewiesener Ort mit so viel Luft, dass wir darin baden können, erscheint mir heute nirgendwo so wichtig wie in dieser Stadt, wo du täglich in der Feinstaubsauna des Kessels festsitzt und mit Aufgüssen aus Auspuffrohren malträtiert wirst. Der Giftgasdreck ist so massiv, dass unsere Saubermänner im Rathaus nach dem etwas luftkriegerisch klingenden Begriff „Feinstaubalarm“ bekanntlich eine freundlichere Wortversion finden mussten. Der neue Begriff erinnert an Dorfbanditen, deren größte Pfeifen am Tatort Schmiere stehen: Sie wollen uns unterjubeln, die Luft sei rein – und blasen ihre Täuschungs­manöver zu "Luftreinhaltetagen" auf.

Das Luftbad ganz in der Nähe der Linie-7-Haltestelle Waldau liegt am Georgiiweg, 1928 benannt nach Theodor Georgii, einem großen Turnbruder, Burschenschaftler und Feuerwehrmann. Geboren 1826 in Esslingen, starb er 1892 bei Ravensburg. Der Besucher betritt ein Gelände mit Tischtennisplatten und Liegewiesen, er kann wählen zwischen „Herzsport“, „Lungensport“ und Yoga – oder sich auf verschiedene asiatische Weisen massieren lassen. Selbstverständlich gibt es auch einen FKK-Bereich. Der liebe Gott gab dem Menschen die Haut ja nicht nur zum Liften. Er soll sie auch lüften.

Nach und nach erst wird mir da oben bewusst, wofür die Waldau steht: Was für ein Luxus, in der Luft zu baden, während sie anderen kaum zum Atmen reicht. Die Waldau ist ein weites Land, geschaffen dafür, in den letzten gesunden Regionen der Stadt, auf den Hügeln, herumzuturnen. Ausgelagert vom eigentlichen Luftbad, gibt es nur einen Steinwurf entfernt ein Saunahäuschen für Männlein und Weiblein mit einem Becken für etwa zwei Brustschwimmzüge oder einen Delphinflug.

Und dies alles finden wir im Schatten unseres architektonischen Wahrzeichens der öffentlich-rechtlichen Ton- und Bildpropaganda, die es leider nie geschafft hat, die Wahrheit über Degerloch zu verbreiten. Immer wieder wähnen sich unterm Fernsehturm Sportreporter nicht nur wegen des Spielflusses „am“ oder sogar „im“ ­Degerloch – als säßen sie auch auf der Hamburg, um ihren Dortmund aufzureißen, bevor sie den Gladbach runtergehen. Eine alte Geschichte, die nichts daran ändert, dass sich Degerloch von „Tegerlohe“, dem dichten Wald, ableitet.

Zwei Jahre nach Gründung des Luftbadvereins zog es auch die Stuttgarter Kickers auf die Waldau, um nach englischem Vorbild ihren bis heute einzigartigen Fußballsport auszuüben. Der Schritt nach Degerloch war eine weise, geradezu prophetische Entscheidung. Zuvor hatte der 1899 gegründete Klub seinen Platz ausgerechnet am Stöckach. Wäre er heute noch an diesem unglückseligen Ort in der Nachbarschaft des Neckartors beheimatet, müssten die Blauen nicht nur an Luftreinhaltetagen mit Gasmasken und Sauerstoffflaschen antreten – was die motorischen Probleme unserer Spieler noch mal leicht verschärfen könnte.

Heute, da diese Zeilen bereits in der Zeitung stehen, habe ich gerade wieder eine abendliche Luftnummer auf der Waldau hinter mir. Das Bad in der Menge beim Spiel der Kickers gegen Mannheim. Das ist mein Leben, bis zum letzten Atemzug.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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