Bauers Depeschen


Dienstag, 13. Juni 2017, 1802. Depesche


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FLANEURSALON mit ROLF MILLER

in UNTERTÜRKHEIM

Am 17. Oktober sind wir in Untertürkheim, an einem eher unbekannten Ort. Bei unserem Gastspiel in einem bizzaren, zum Club ausgebauten Industriekeller machen der Halbsatz-Komiker Rolf Miller, das Folklore-Duo Loisach Marci und die Sängerin Anja Binder mit. Die Zahl der Plätze ist begrenzt, es gibt bereits jetzt online und telefonisch einen Vorverkauf: EASY TICKET



Die aktuelle StN-Kolumne:

HAMMA NOCH WAT BARGELD DA?

Der Tag war schwül und ich heiß auf Blutwurst. Ich ging in die Sansibar. Das Lokal im neuen Dorotheen-Quartier verspricht via Internet „Meeresrauschen und Dünenfeeling in Stuttgart“. Obwohl „nordischer Charme“ im Wirtshaus herrschen soll, war die Blutwurst frankophil als „Boudin noir“ ausgewiesen – schmeckte aber einwandlos, wie wir Weltmänner sagen.

Wohl wissend, dass der Einkaufsklotz am Karlsplatz nicht für Würste wie mich gebaut wurde, genoss ich doch die Dünen­erotik am Rauschemeer des Kessels. Vor mir der Laden „rich&royal“: Dieser exakt so geschriebene Name ist auch für einen Kreisklassekomiker wie mich als Hipster-Ironie zu erkennen, schließlich bekommst du von dieser Firma ein könig­liches Top mit der geistreichen Botschaft „# live rich“ ­online schon für einen Dreißiger.

Wenn ich behaupte, ich sei ein halbwegs umtriebiger Herumtreiber, ist das nicht übertrieben. Und ich bin entzückt, wenn uns die Werbung für die neuen Shopping­paläste „ein Quartier für Flaneure“ verheißt. Ich maße mir weiß Gott nicht an, zur Gattung der literarischen Figur namens Flaneur zu zählen. Hinweise auf ihre ­Existenz allerdings machen mich als gewohnheitsmäßigen Herumstiefler etwas stutzig. Auf der Homepage des Dorotheen-Quartiers heißt es: „Der Flaneur – das ist ein Mensch, der im Spazierengehen schaut, genießt und umherschweift. Der nicht nur das Ankommen am Ziel schätzt, sondern auch das Wandeln dorthin.“

Das ist blanker Unsinn. Der klassische Flaneur streunt bewusst ziellos herum und lässt sich treiben – wenn auch nicht immer ohne den Hintergedanken, seine Fuß- und Kopfreisen literarisch auszubeuten. „Es ist ein wenig aus der Mode gekommen. Aber mit dem Dorotheen-Quartier kommt das Flanieren zurück in die Stadt . . .“, tönt die Reklame weiter. Ich will auf diesem Thema nicht zu lange herumreiten: Die Kunst des Flanierens und die Wissenschaft vom Spazierengehen, Promenadologie ­genannt, füllen ganze Bücher. Gibt’s im Kaufhaus.

Noch so viel: Seit einiger Zeit taucht die von Werbe- und Medienfritzen sinn­entstellte Vokabel „flanieren“ immer öfter auf. Um von den Abgasskandalen der Autoindustrie und der vergifteten Stadtluft abzulenken, wird heute schon eine sprit­freie Rolle vorwärts vom Park- zum Kaufhaus als öko­logische Heldentat gefeiert. Und jeder stinknormale Gehweg in der Stadt gilt jetzt als „Flaniermeile“, so wie jeder, äh, Window-Shopper und Kneipenschlurch als „Flaneur“ geadelt wird.

Der Berliner Flaneur Franz Hessel (1880 bis 1941) schreibt: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straßen, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café­terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben. Um richtig zu flanieren, darf man nichts allzu Bestimmtes vorhaben.“ Nein, schon gar nicht wie ich eine Blutwurstorgie in der Sansibar, wo mir als altem Freund deutschen Liedguts ein Hit der Kölner Karnevalskapelle Höhner durch den Kopf geht: „Hömma Mamma ­samma hamma noch wat Bargeld da? / Hömma Mamma samma hamma noch wat da in bar? / Jo? Dann ­jommer in de Sansi Bar / Sansibar – Ohoho – Sansibar – Ohoho / Allemann in de Sansibar – Allemann in de Sansibar!“

Mangels Talent hab’ ich es mir verkniffen, das Edelreservat gegen etwas Bargeld mit meinem Gesang zu beschallen. Der bewusste Streuner hat ja immer den Ehrgeiz, beim Herumgehen Zusammenhänge herzustellen. Das gilt nicht nur für Blutwürste und Höhner-Gegacker. „Mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan. Ich muss eine Art Heimatkunde treiben, mich um die Vergangenheit und Zukunft dieser Stadt kümmern“, schreibt Hessel über sein Berlin.

Diese Sätze, erst neulich wieder gelesen, erinnern mich an eine rabbinische Weisheit, die ich unlängst als Mauerschrift in der Nähe einer niedersächsischen KZ-Gedenkstätte gesehen habe: „Die ­Zukunft hat eine lange Vergangenheit."

Da alle Investoren-Architektur stets im Namen unserer verkauften Zukunft gebaut wird, muss ich mich als Hobby-Heimatkundler im Sinne Hessels noch kurz um die Vergangenheit kümmern: Initiator des neuen Einkaufkomplexes ist bekanntlich die Firma Breuninger. In deren Nachbarschaft hatte eine Bürgerinitiative jahrelang die größte Mühe, das Hotel Silber, die berüchtigte ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale, vor dem Abriss zu retten. Im kommenden Jahr, nur 73 Jahre nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur, soll das Gebäude endlich als Gedenk- und Lernort eröffnet werden. Dieses kleine Projekt zur lokalen Auseinandersetzung mit dem schlimmsten Kapitel deutscher Geschichte gestaltet sich wesentlich schwieriger als der Bau einer Shoppingmall – wo es inzwischen eine Eduard-Breuninger-Straße zu Ehren des Firmengründers gibt.

Dringend notwendig wäre eine Erinnerungsstätte für dessen Sohn und Nachfolger Alfred Breuninger, und zwar im Hotel Silber: So könnten Besucher pädagogisch wirksam mit den Verbrechen der Vergangenheit in ihrer unmittelbaren ­Umgebung konfrontiert werden. Alfred Breuninger war von 1933 an NSDAP-Mitglied, saß von 1935 bis 1945 für Hitlers Partei im Gemeinderat und zählt zu den wirtschaftlichen Profiteuren des Nazi­Terrors. Auf einer Internet-Präsentation der Firma wird er mit dem Satz abgehandelt: „Alfred Breuninger, der 1932 nach dem Tod seines Vaters das Unternehmen über­nommen hat, wird in der nationalsozia­­listischen Zeit auf eine harte Probe gestellt: Im zweiten Weltkrieg werden die Breuninger-Geschäftshäuser völlig zerstört.“

Nach der Blutwurst in der Sansibar ging ich in Begleitung einiger Ehrenmänner auf einen Espresso und eine Süßspeise in den benachbarten Italo-Tempel OhJulia. Kaum im Lokal, sprach uns OhJulias Chef-Animateur an: „Punkt eins: Bis jetzt habt ihr alles richtig gemacht. Ihr seid nämlich da.“ Unsere an sich zwingende Antwort „Punkt zwei: du hast alles falsch gemacht, denn gleich bist du nicht mehr da“, behielten wir mit weltmännischer Gelassenheit für uns: Über dem Eingang im Lokal saßen zwei fette, schwarze Tauben. Die Ratten der Lüfte gurrten uns friedvoll an.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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