Bauers Depeschen


Dienstag, 11. April 2017, 1775. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



IN DER WILDNIS

Den ersten Schwächeanfall, den ersten Vollmond und die erste emotionale Hitzewelle dieses Frühlings habe ich hinter mir. Heute kann ich gelassen von meiner ersten interkontinentalen Reise des Jahres berichten. Sie führte mich ein paar Meter durch Stuttgart und in die Hügel der Welt.

Die weithin bekannte Adresse Auf dem Haigst ist mir vor allem aus früheren Zeiten geläufig, als die U-Bahnlinie 7 noch nicht auf die Waldau und zum Platz der glorreichen Kickers führte. Da nahm ich regelmäßig am Marienplatz die Zacke, stieg am Haigst aus und marschierte beseelt den Wald hinauf zu unserem Fußballplatz: Weit oben angesiedelt war ja auch mal das Niveau unserer Mannschaft.

Der Flurname Haigst erinnert an das Wort „höchst“ – und wie es früher, vor der Eingemeindung der höher gelegenen Fildervororte, im Dialekt klang. Schaut man sich die Kickers heute an, ist es haigste Eisenbahn, dass diesen Katastrophenladen jemand ausmistet, der noch einen Restschimmer vom Fußballgeschäft hat.

Bevor ich am Sonntag die Aussichtsplattform an der Zahnradbahnstrecke nach Degerloch ansteuerte, war ich erstmals im Pulk der Critical-Mass-Demo mitgeradelt. Die Strecke führte diesmal über wunderschöne Autostraßen wie die B 14 und die Pragstraße hinauf nach Feuerbach, vor die Tore des Türkenviertels an der Mauserstraße, Klein-Istanbul genannt.

Critical-Mass-Aktionen gibt es weltweit; in Stuttgart findet dieser körperliche Einsatz für den nicht motorisierten Individualverkehr jeden ersten Freitag des Monats statt. Ich erwähne das, weil ich unterwegs hysterisches Gebrüll von unfreiwillig parkenden Autofahrern hörte, die den Pedalprotest für eine Feinstaub- oder Stuttgart-21-Demo hielten.

Zieleinfahrt der jüngsten Tour mit fast tausend Teilnehmern war der „Hobbyhimmel“ in der Siemensstraße: eine riesige, offene Halle mit Werkzeug für Bastler und Handwerker, Künstler und Tüftler, wovon ich nie zuvor gehört hatte. Ein nicht kommerzielles Angebot für alle, die ein Bewusstsein für vernünftigen Umgang mit Material mitbringen. Mein Staunen über den Radausflug hat Gründe: Erstens bin ich weder ein starker Sprinter noch eine gedopte Bergziege – und zweitens mit einem handwerklichen Talent ausgestattet, das mich bis heute davor abschreckt, eigenhändig eine Glühbirne zu wechseln. Beim Blick in den Hobbyhimmel, dieses Beispiel bürgerlichen Stadtteil-Engagements, sage ich mir: Es gibt unglaubliche Dinge in dieser Stadt, man muss sich nur umschauen.

Damit komme ich wieder zum Haigst, wo die Aussichtsplattform mit ihren Liebespaaren und Silvesterknallpfeifen seit 2005 Santiago-de-Chile-Platz heißt. Diesen Namen verdankt der Ort dem Architekten Georg Kieferle: Als Honorarkonsul von Chile muss ihn einst beim Blick vom Haigst irgendeine, vermutlich erotische Sehnsucht nach dem Aussichtsberg Cerro San Cristóbal in Santiago gepackt haben. Unsereins wiederum erinnert diese heilige Hommage an die deutschen Chile­Auswanderer nach der Revolution von 1848. Ausgerechnet in Stuttgart gründete 1849 ein Kaufmann namens Franz Kindermann einen Auswandererverein mit dem Ziel, für seine in Chile erworbenen Ländereien Kolonisten zu gewinnen. 1850 traf das erste deutsche Schiff, die „Hermann“, im Hafen von Valdiva ein. Ein Kapitel deutscher Flüchtlingsgeschichte, dessen Folgen bis heute von Historikern behandelt werden. 143 Jahre nach der „Hermann“ erreichte dann ein ziemlich prominentes Asylanten-Paar aus Deutschland Chile: Erich und Margot Honecker.

An diesem Santiago-de-Chile-Platz gäbe es noch einiges zu klären, wäre mein Ziel nicht ein benachbarter Ort mit spanischem Namen gewesen: El Palito, ein von jungen Menschen betriebener Gemeinschaftsgarten mit gepflegtem Wildwuchs. Bei herrlichem Frühlingswetter im April ging neben dem Haigst an den von Beton verschonten Hängen mit ihren Bäumen, Beeten und Büschen das dreitägige „Kultur-Knospe-Festival“ über die Bühne, ein Treffen in der Frischluftschneise mit Aktionen, Gesprächen, Musik.

Auf den ersten Blick erinnert mich das bunte Treiben an die Landkommunen der Sechziger und Siebziger. Allein die Marshall-Boxen auf der Bühne unterscheiden sich: Früher waren sie entschieden größer. Ich lausche dem Sitar-Spieler Timo Bredehoeft, schaue Kindern beim Schaukeln zu, und dann begegnet mir zufällig Ben. Er hat blonde Dreadlocks, geht barfuß und weiß eine Menge über dieses Projekt, weil er zum Vorstand des vor fünf Jahren gegründeten El-Palito-Vereins gehört. Auch an diesem himmlischen Ort gilt das Prinzip: Alles gratis. Essen aus selbst angebautem oder gespendetem Obst und Gemüse, Getränke, die Bands. Der Verein lebt von Spenden, für das Festival gab es einen Projektzuschuss vom Kulturamt.

Wir befinden uns in diesem Garten mit reichlich Obstbäumen und 150 Blumenarten auf einem Territorium, das ich zur Kategorie „Das andere Stuttgart“ zähle. Der Initiative El Palito geht es darum, „Freiräume“ zu schaffen, sagt Ben, einen Ort, den wir alle besuchen können, wo man essen und trinken darf, auch ohne Geld. Der Besitzer des Geländes, Vater eines der El-Palito-Gründers, vermietet dieses Wunderland günstig. Der Verein braucht pro Jahr alles in allem 6000 Euro Spenden, die Freiluftsaison geht von März bis Oktober.

3500 Quadratmeter ist das Gelände groß – buchstäblich eine Menge Holz: „El Palito“ bedeutet zu Deutsch „das Stöckchen“. Am Anfang, sagt Ben, habe der Garten gewirkt wie eine riesiger Haufen Hölzchen. Ben kommt aus Friesland und erlernt an der Stuttgarter Kunstakademie den Beruf des Buch- und Papierretuscheurs. Einer seiner Gartenfreunde aus dem El-Palito-Verein kommt hinzu, Eugen: Gerade hat er in Hohenheim sein Studium zum Agraringenieur abgeschlossen. Es sind also Leute am Werk, die wissen, was sie tun. Wie man verantwortungsvoll mit der Natur, ihren Schätzen und mit Nahrung umgeht. Der rechte Winkel spielt in dieser Öko-Welt keine große Rolle. Wir sind in Utopia, im Land der frei laufenden Hippies, wo die Bio-Knospen aufgehen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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