Bauers Depeschen


Freitag, 12. Dezember 2014, 1394. Depesche


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NACHTRAG, Fußballsport: Jahn Regensburg - Stuttgarter Kickers 0:2



TERMINE

Am kommenden Dienstag, 16. Dezember, gastiert der Flaneursalon in der Kneipe Schlesinger. Bestenfalls noch Restkarten im Lokal.

Am 22. Dezember spreche ich bei der Montagsdemo gegen S 21. Kundgebung voraussichtlich vor dem Milaneo - nach Demo-Zug vom Hbf.



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LIED DES TAGES

... als kleine Hommage an "Die Nacht der Lieder"



Hier ein Text zur Erinnerung an die Stuttgarter Gegenwart:



HUREN DES ELENDS

An der Kebab-Station in der Stuttgarter Altstadt, in der Nähe der Leonhardskirche, wartet Günther vor seinem Japaner-Kombi auf Taxi-Kunden. Früher wäre ihm kein anderer Wagen als ein Daimler auf den Hof gekommen. Die Zeiten haben sich geändert. Günther hat die Siebzig hinter sich, und da reicht ein Spießer-Japaner, auch wenn der Fahrer noch immer dasteht wie ein Athlet im guten Mannesalter. Der Körper muskulös, das Haar frisch geföhnt und getönt, wie damals. In den sechziger und siebziger Jahren war er ein guter Amateursportler und ein professioneller „Loddel“. So nannte man im Viertel die Zuhälter.

Günther war einer von den „Jungs“ im Rotlichtmilieu. Ein Junge drückte mit Seidenstrümpfen und Slippern an den Füßen die Pedale einer Stingray Corvette oder eines Daimler-Cabrios, am besten knallrot wie der SL der legendären Edelhure Rosemarie Nitribitt im Kino. Seine Arbeitskleidung ließ er beim Maßschneider Kreis in der Königstraße fertigen, tausend D-Mark pro Anzug. Einen Riesen konnte selbst ein kleiner Zuhälter locker am Tag verdienen. Zwei, drei Damen schafften eine solche Summe mühelos netto an, obwohl man die „Kuppe“ oder „Lobe“, den Hurenlohn, oft brüderlich teilte.

Heute neigt man dazu, die alten Tage im Altstadt-Milieu, die Exotik käuflicher Erotik zu romantisieren. „Familiär“ sei es gewesen, sagt Günther, und womöglich ist das verglichen mit der heutigen Lage im Milieu sogar nahe an der Wahrheit. Ersatzfamilienstimmung herrschte an Weihnachten, wenn der Milieumusikant und Kickers-Fan Kurt Hörber, in der Stadt als „Kotlett“ berühmt, im Brunnenwirt für die Huren und Luden „Ave Maria“ auf der Geige spielte, im Finale seiner Show liegend auf dem Kneipenboden. Kotlett ist 1988 gestorben, und bis heute sind es die Geschichten über Typen wie ihn, die man sich in nostalgischen Stunden erzählt.

Keiner erinnert sich gern an die Schicksalsberichte aus den miesen Ecken des Schmuddels. Einmal hat jemand unter dem Pseudonym „die Tochter“ einen meiner Zeitungsartikel über das Rotlichtviertel mit diesen Zeilen im Internet kommentiert:

„Es war einmal . . . ein Schreiner, der hatte eine Tochter und nicht viel Arbeit und wenig zu beißen. Frau und Tochter darbten an 5 Tagen der Woche. Es war Anfang der 60er, die Tochter war 17, die Mutter 34, der Vater Halunke. Am 6ten Tag der Woche kam der Befehl: wir fahren ins Städtle, A . . . schaffen . . . burg, dauerte meist 2 Tage, der Halunke hatte keine Arbeit und seinen Schnaps, die Mutter konnte ihre Rechnung beim Alimentari bezahlen, und die Tochter weinte . . . So war’s damals im Städtle.“

Es ist nicht menschlicher, es ist mieser geworden im Städtle, wie man seit jeher die Altstadt nennt. Die Prostitution im Quartier ist auf dem Tiefpunkt der Stuttgarter Rotlichtgeschichte angekommen. Frei nach Dostojewski erzeugt für gewisse Freier auch die unterste Stufe der Erniedrigung noch eine Lust. Im Leonhardsviertel, dem historischen, von ahnungslosen Politikern ignorierten Stadtzentrum mit seinen denkmalgeschützten Häusern, bieten sich junge Mädchen den Freiern für 15 Euro oder weniger an. Für diesen Preis machen sie zum Schrecken von Sozialarbeitern und Ärzten fast alles. Kondome werden selten benutzt.

Die letzten Veteranen im Städtle können sich nicht erinnern, jemals so schlecht und krank aussehenden Huren begegnet zu sein. Wirtsleute am Leonhardsplatz beobachten sehr junge Prostituierte, wie tagelang in denselben Billig-Klamotten an der Ecke stehen, bewacht von jungen Zuhältern mit Halsketten und Sonnenbrillen nach Gangsta-Rap-Vorbild. Sie kommen aus Osteuropa, fahren Audi, sprechen kaum Deutsch, sind unterwegs nach dem Geschäftsmodell übler Drücker-Kolonnen. Sie tauchen auf und verschwinden, und Politikern und Polizisten fällt wenig ein, um gegen den Wanderzirkus der Elendsprostitution vorzugehen.

Kenner der Szene sagen, die Brutalisierung des kleinen Stuttgarter Rotlichtbezirks habe 2004 begonnen. Immer mehr Busse brachten junge, trainierte Straßentypen und noch jüngeren Mädchen aus o, aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn, in die Altstadt. Zuhälter und Hure sind oft verheiratet, weisen sich als touristisches Ehepaar aus. Die bürgerlichen Leute im Viertel treffen sich seit Jahren mit Politikern und Kriminalbeamten am Runden Tisch zu Krisensitzungen.

Jahrzehntelang haben Rathauspolitiker mit fragwürdigen, mit vermutlich korrupten Immobilien-Deals den Weg für illegale Geschäfte geebnet. Immer wenn die Stadt Gebäude an juristisch gut beratene Rotlichtgrößen verkaufte, wurden danach als Wohnungen getarnte Buden für sexuelle Dienste gegen Bares vermietet.



Alte Profis nennen den Straßenstrich „Tschernobyl“. Nie hat einer aus dem Rathaus ernsthaft versucht, das Quartier zu retten, es mit einem städteplanerischen Idee aufzuwerten. Die große Ära der Siebziger-Jahre-Zuhälter war Mitte der achtziger Jahre zu Ende gegangen. Da hatten die Herren in den Maßanzügen die Vierzig überschritten und keine Lust mehr, sich im Nahkampf mit zahlungsunwilligen Freiern und jüngeren, internationalen Zuhältern zu üben. Inzwischen kursierten harte Drogen im Milieu, ein Geschäft, mit dem die alten Jungs nichts zu tun haben wollten. Sie hielten sich an Pils, Whiskey-Cola und Champagner.

Im Sommer 1971 Jahre war eine schwer bewaffnete Altstadt-Delegation von Stuttgart nach Westberlin geflogen, um mit Kollegen aus Frankfurt in eine Straßenschlacht gegen „die Perser“ zu ziehen. Bei der Schießerei in der Bleibtreustraße in der Nähe des Kurfürstendamms gab es Tote. Die Bleibtreustraße hieß danach Bleistreustraße. Ausländische Luden, so rechtfertigten die politisch scharf rechts gefärbten Mitglieder der deutschen Fraktion ihren Angriff, hätten die Szene mit Drogen überschwemmt. Der „Spiegel“ berichtete zweimal über den Zuhälterkrieg. Auch in Stuttgart starben Dirnen an Heroin, ich erinnere mich noch an "Bayern-Gabi". Sie war eine lustige Frau, zog mit uns nach getaner Arbeit durch die Kneipen. Dann hing sie an der Nadel, erwischte schlechten Stoff und wählte nach einer Bein-Amputation im Krankenhaus den Freitod.

Als sich die Altstadt-Könige, fast alle im Zweiten Weltkrieg geboren, zurückzogen, es mit legalen Geschäften versuchten oder auf dem Sozialamt landeten, ging eine Ära der Subkultur zu Ende. Die Jungs mit den Rolex-Uhren und Goldketten, den Schuhen aus Mailand und ihren Rex-Gildo-Hemden hatten eine eigene Banditensprache gepflegt. Für die Überwachung der Kunden- und Polizei-Bewegungen rund um ihre illegalen Spielhöllen leisteten sich einen „Schmoddre-Mann“. Schmoddre bedeutet beobachten, Schmiere stehen. Der Mann wies abends im Viertel unauffällig Zockern den Weg. Wenigstens zeitweise hielten sich die meisten der Luden an den Ehrenkodex der Unterwelt: kein Verrat, Schulden pünktlich zurückzahlen, nicht in fremden Revieren wildern. Mit ihren kajalgeschminkten Damen hofierten sie freizügig im Nachtleben. Zwar spielte Gewalt im Milieu immer eine Rolle, wurde aber gern mit dem Hinweis auf sportliche Fairness beschönigt. Schließlich saß die Familie gern am Boxring und hatte selten Probleme mit schmutzigem Lorbeer.

Nach den Männern in den Maßanzügen und Popstar-Kostümen übernahm im Stuttgarter Städtle eine neue Generation von deutschen Zuhältern die Straßen; sie fuhren im Porsche und Lamborghini vor Discotheken vor, spürten allerdings bald die Konkurrenz aus Osteuropa im Nacken. Aus Ländern wie Jugoslawien und Albanien rückten Zuhälter an, die in den Großstädten mit einer neuen Brutalität die Macht übernahmen.

Die letzten heimischen Statthalter der Stuttgarter Straßenprostitution wanderten bald nach dem Berliner Mauerfall in den deutschen Osten ab, profitierten in Dresden oder Leipzig von den Wirren des bankrotten Arbeiter- und Bauernstaats. Im Leonhardsviertel brach unterdessen eine neue gefährliche Zeit ohne Regeln an.

Zur Jahrtausendwende konnte man den Niedergang des Milieus deutlich sehen. Huren, die sich einst das Essen aus Restaurants hatten bringen lassen, standen immer öfter in der Schlange vor der Imbissbude. Städtle-Gänger erlebten, wie Damen, die einst im Mercedes zur Arbeit gefahren waren, nur noch Pommes bestellten. Die Wurst war zu teuer geworden, der Hurenlohn angesichts der vielen neuen Billigkräfte im Gewerbe ins Bodenlose gestürzt. Das alte Milieu, aufgrund der strengen Polizeistunden in der Stadt bis in die neunziger Jahre hinein eine Notgemeinschaft aus Rotlichtfiguren und Intellektuellen, Künstlern und Kriminellen, war am Boden. Bis dahin halbwegs originelle Altstadt-Kneipen wie der Schiller, im Morgengrauen auch Sammelbecken illustrer Gestalten aus Justiz-, Polizei- und Rathausbehörden, verkamen vollends zu üblen Kaschemmen.

Mutmaßungen, der Sexmarkt im Internet hätte den einst halbwegs geordneten Straßenstrich ins Abseits gedrängt, sind Humbug. Im ältesten Gewerbe der Welt bewegt sich nach wie vor eine große Kundschaft rücksichtsloser Männer im Geschäft mit der schnellen Befriedigung auf der Straße. Auch der Verdacht, die oft schwer gezeichneten, immer öfter an Syphilis erkrankten oder mit HIV infizierten Prostituierten lockten nur menschenscheue Freier mit merkwürdigen Neigungen an, ist falsch. Kenner wissen von durchaus attraktiven und billigen Straßenhuren im Viertel. Die aber sieht man selten. Sie arbeiten nonstop im Zimmer ihrer Absteigen. Ihre Zuhälter kassieren gut bei der Massenabfertigung im Akkord.

Heute weiß kaum einer, dass im Leonhardsviertel mit seinen 800 Einwohnern auch viele Menschen ohne Rotlicht-Bezug wohnen, darunter einige Künstlerinnen und Künstler. Im Quartier gibt es die Live-Clubs Bix und Kiste, originelle Kneipen wie die Jakobstube und den Brunnenwirt mit seinem Imbiss und seinem guten schwäbischen Essen. Es gibt Restaurants wie die Weinstube Fröhlich und den Murrhardter Hof. Das Plattencafé Ratzer Records ist seit mehr als drei Jahren Treffpunkt von Sammlern und Musikfreunden.

Das Leonhardsviertel ist auch ein Ort demokratischer Geschichte. In der Jakobstraße 6, mit der heutigen Jakob-Stube, wurde am 2. Januar 1807 der revolutionäre Dichter und Pfarrer, Historiker und Politiker Wilhelm Zimmermann geboren, ein paar Meter weiter haben Intellektuelle und linke Arbeiter 1965 den Club Voltaire eröffnet.

Als ich zum Abschied mit Günther vor dem Taxi plaudere, werden noch einmal die alten Geschichten lebendig. Wie die Jungs mit ihren Damen zum Italienurlaub ins Thermal- und Skiparadies Bormio aufbrachen, das Louis-Vuitton-Köfferchen mit frischen Scheinen unter dem Sitz eines neuen Mercedes-Cabrio. Cash bezahlt, versteht sich.

Übriggeblieben vom Reichtum der frühen Jahre ist selten etwas. Günther hat sich nach seiner Zuhälterkarriere als selbstständiger Taxifahrer durchgeschlagen. Er hat Glück gehabt. Das neue Elend in der alten Heimat kennt er heute nur noch als Feierabendgast.



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