Bauers Depeschen


Mittwoch, 19. November 2014, 1383. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20141119

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FLANEURSALON mit Zam Helga, Ella Estrella Tischa, Toba Borke & Pheel am Samstag, 29. November, im Stadtteilzentrum Gasparitsch, Ostheim, Rotenbergstraße 125, gegenüber der Friedenau. 20 Uhr. EINTRITT FREI. Anmeldungen sind bei mir möglich, bis spätestens 20. November.



LETZTER FLANEURSALON des Jahres am Dienstag, 16. Dezember, im SCHLESINGER. Unser Weihnachtsabend in einer der schönsten Kneipen Stuttgarts mit neuen Flaneursalon-Stimmen: Erstmals singen die Stuttgarter Songschreiberin Marie Louise und der afrikanische Musiker Michael Dikizeyeko, begleitet von seinem Gitarristen und Produzenten Steve Bimamisa. Auch unser großer Sänger und Akkordeon-Virtuose Stefan Hiss ist an Bord, und nach etwas Pause übernimmt Michael Gaedt wieder die Conférence. 20 Uhr. Einlass 18 Uhr. Karten im Schlesinger.



Es gibt noch Restkarten für DIE NACHT DER LIEDER am 9. und 10. Dezember im THEATERHAUS. Telefon: 07 11 / 4 02 07 20.

Siehe unser neues, kurzes VIDEO ZUR NACHT DER LIEDER

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GERDA TARO. WIE ALLES ANFING.

Am vergangenen Dienstag hat Stuttgarts OB Kuhn am Olgaeck/Alexanderstraße den neu gestalteten Gerda-Taro-Platz eröffnet. Gewidmet ist die Anlage der 1910 in Stuttgart geborenen Kriegsfotografin.

Im Herbst 2007 besuchte ich bei einem kurzen Urlaub in New York die Ausstellung "This is War! Robert Capa at Work"; diese Schau im International Center of Photoraphy (ICP) hatte man geschickt zum Anlass genommen, Gerda Taro als eigenständige Fotografin vorzustellen: Gezeigt wurde die erste große Retrospektive ihrer Bilder. Dieses Ereignis erregte nicht nur in New York Aufsehen. Auch in Europa berichteten die Medien.

Zurück in Stuttgart, schrieb ich in den StN mehrere Artikel über die Stuttgarter Kriegsreporterin, immer in der Hoffnung, der Stoff könnte irgendwo Interesse wecken. Es steckt alles drin: Heimat, Flucht, Liebe, Krieg, berühmte Namen, tragischer Tod.

In Stuttgart gab es keine Resonanz.

Damals bestand die Möglichkeit, die New Yorker Taro-Schau zu übernehmen, und einige europäische Metropolen taten dies auch. In Stuttgart, Gerda Taros Heimatstadt, interessierte das Thema zunächst niemanden. Alle Hinweise auf das internationale Interesse an der ICP-Ausstellung nutzten nichts.

Ende 2007 trug ich bei einem Flaneursalon im Stuttgarter Literaturhaus einen kleinen Text über Gerda Taro vor, und dann kam Bewegung in die Sache. Bald darauf gingen die Schorndorfer Taro-Biografin Irme Schaber, die an der NY-Ausstellung mitgearbeitet hatte, und ich in der Stadt hausieren. Unterstützt wurden wir von dem damaligen Flaneursalon-Gast und "Jazz Open"-Veranstalter Jürgen Schlensog. Wir wollten einen Stuttgarter Veranstalter für die New Yorker Ausstellung finden. Im Kulturbürgermeisteramt stießen wir auf Überheblichkeit und Ablehnung. Auch das Kunstmuseum am Schlossplatz zeigte zunächst kein Interesse. 2008 beantragte der Grünen-Stadtrat Michael Kienzle am Rand unserer Aktivität einen Gerda-Taro-Platz, der vom Gemeinderat relativ schnell genehmigt wurde: auf einer Unkrautwiese am Olgaeck.

Etliche Hausierer-Einsätze später telefonierte ich mit der damaligen Direktorin des Kunstmuseums, Marion Ackermann, und sie war schließlich bereit, die New Yorker Taro-Austellung zu übernehmen. Die Stuttgarter Hibtergründe der Geschichte, sagte sie, seien ihr zunächst nicht bekannt gewesen.

Eröffnung war Anfang 2010, rechtzeitig vor Gerda Taros 100. Geburtstag. Eine der Reden hielt die Kulturbürgermeisterin Eisenmann. Ich ging nicht hin. In der Hektik, es war die letzte Amtshandlung der scheidenden Museums-Drektorin, hatte man übrigens versäumt, einen Taro-Katalog herauszubringen.

Während der sehr erfolgreichen Ausstellung machten Irme Schaber und ich einen Abend mit Film, Lesung und Dialogen im Literaturhaus; Stefan Hiss sang dazu Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Bald darauf wurde in Mexiko ein Koffer mit zahlreichen Original-Fotos von Gera Taro gefunden und ausgewertet. Auch Hollywood interessierte sich für den Stoff. Im Herbst 2013, zur Vorstellung von Irmes neuer Taro-Biografie, trafen wir uns im Theaterhaus zu einer weiteren Veranstaltung mit Bildern und Texten, Dialogen und Songs - und freuten uns über das große Interesse.

Ich habe diese Zeilen heute aufgeschrieben, damit man sieht, wie zufällig oft die Dinge zustande kommen, wie die Stadt ihre eigene Geschichte ignoriert oder vernachlässigt. Gerda Taro ist nur eines von vielen Beispielen. Bis heute, fast 70 Jahre nach dem Krieg, sind die - ohnenhin nur halbherzig bereitgestellten - Räume im Hotel Silber, der ehemaligen Gestapo-Zentrale am Karlsplatz, nicht als Lern- und Gedenkort zur Auseinandersetzung mit den Nazis und Rechtsextremisten eröffnet.



DAS VIDEO DES TAGES



HIER DER TEXT VON 2007, den ich zum Vortragen im Flaneursalon gefertigt hatte:



TOD EINER FRAU

Es war im Oktober 2007, und in der Stadt war es schon am Morgen sehr heiß. Eine Weile ging ich am Fluss entlang, dann entschied ich, klimatisierte Räume aufzusuchen. Das Museum of Modern Art war nicht weit. Gerade im Museum angekommen, entdeckte ich ein Plakat des Stuttgarter Künstlers Willi Baumeister: Er hatte es 1927 für die legendäre Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" am Weißenhof gestaltet, und ich fühlte mich gut, weil ich in der Stadt eine andere Stuttgarter Spur gefunden hatte als die von Porsche, Mercedes und Pretzel.

Als ich das Museum verließ, war es immer noch sehr heiß für einen Oktobertag in New York, und ich erinnerte mich, dass ich eine Notiz über das Projekt "This is War! Robert Capa at Work" gelesen hatte, die Ausstellung im International Center of Photography (ICP) in Midtown Manhattan mit Arbeiten des 1954 gefallenen Kriegsfotografen. Robert Capa ist mit dem Foto "Der fallende Milizionär" aus dem Spanischen Bürgerkrieg weltberühmt geworden.

Im Eingangsbereich des ICP hing eine Tafel mit der Überschrift "Gerda Taro". Den Namen habe ich schon mal gehört, dachte ich, und als ich den Text überflog, bekam ich ein schlechtes Gewissen: Gerda Taro, die Lebens- und Arbeitspartnerin von Robert Capa, ist 1910 in Stuttgart geboren. Das hätte ich wissen müssen.

New York widmete der Fotografin, 70 Jahre nach ihrem Tod, ihre erste große Ausstellung, und ihre Bilder waren bewusst prominenter platziert als die parallel gezeigten Arbeiten ihres ehemaligen Lebensgefährten. Im Museum fand ich die 1994 in deutscher Sprache erschienene Biografie "Gerta Taro – Fotoreporterin im Spanischen Bürgerkrieg" von Irme Schaber. Am nächsten Morgen ging ich wieder auf meine Bank am Hudson River und begann zu lesen. Auf den ersten Seiten erfuhr ich viel über Stuttgart, über ein Mädchen namens Gerta, Tochter der jüdischen Einwanderer Heinrich und Gisela Pohorylle.

Die Familie wohnte in Stuttgart, in der Alexanderstraße 170 a. Vater Heinrich hielt sich als En-gros-Eierhändler über Wasser. 1917, zwei Jahre nach Einführung der Brotkarte im Ersten Weltkrieg, besuchte Gerta Pohorylle die Königin-Charlotte-Realschule in der Zellerstraße, Stuttgarts erste höhere Mädchenschule.

Gerta war klug. Kam sie zu spät, fälschte sie die Unterschrift ihrer Mutter und schrieb als Entschuldigung: "Meine Tochter leidet an Schwindel". Gerta Pohorylle wurde eine mondäne junge Frau, bildhübsch und selbstbewusst. Mit Hilfe ihrer reichen Tante besuchte sie ein Jahr lang ein Schweizer Internat und sprach bald fließend französisch. Sie spielte mir Talent Tennis auf der Waldau und fuhr im Opel ihres Freundes Pieter Bote mit zu den Spielen der Stuttgarter Kickers. Sie amüsierte sich bei den Vorstellungen im Cabaret Excelsior und ging sonntags, wenn die Kapelle aufspielte, zum Fünfuhr-Tanztee ins Kunstgebäude am Schlossplatz.

1929 zieht Gerta, obwohl sie sehr an Stuttgart und ihren Freunden hängt, mit ihren Eltern nach Leipzig. Die wirtschaftliche Lage in Stuttgart hat ihnen keine Wahl gelassen. In Leipzig engagiert sich Gerta mit ihren Brüdern politisch bei der Linken. 1933 wirdsie nach einer Flugblattaktion von den Nazis verhaftet. Im Gefängnis spielt sie den SA-Männern die hübsche Naive vor, auch dank ihres polnischen Passes kommt sie nach ein paar Wochen frei. Kurz nach ihrer Entlassung geht sie ins Exil. In Paris lernt sie den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen. Friedmann wird wenig später auf Gertas Rat hin unter dem Namen Robert Capa veröffentlichen. Sie selbst nennt sich jetzt Gerda Taro, Gerda mit d. Die Namen spielen vermutlich auf den amerikanischen Filmregisseur Frank Capra und die Schauspielerin Greta Garbo an.

Das Paar fährt nach Spanien und unterstützt mit sensationellen Fotos aus dem Spanischen Bürgerkrieg die Republikaner im Kampf gegen Francos Faschistischen. Ihre Bilder werden weltweit in großen Magazinen veröffentlicht. Man spricht vom ersten Medienkrieg. Am 25. Juli 1937 fotografiert Gerda Taro in der Schlacht von Brunete in der Nähe von Madrid, unermüdlich hält sie die Kamera aus dem Schützengraben hoch, um Kampfszenen abzulichten. Als während eines Luftangriffs Panik ausbricht, verlässt sie die Deckung und springt auf das Trittbrett eines Sanitätsfahrzeugs. Ein Panzer der republikanischen Armee gerät ins Schlingern und erfasst den Rettungswagen. Gerda Taro wird zu Boden geschleudert, der Tank überrollt ihre Beine. Am nächsten Tag ist sie tot, sie wurde 26 Jahre alt.

Dass die Fotografin ausgerechnet während eines Luftangriffs von Hitlers Legion Condor tödlich verletzt wurde, war mit ein Grund, ihre Geschichte später in der Bundesrepublik zu verdrängen und zu vergessen. Auch sämtliche Mitglieder ihrer Familie waren den Nazis zum Opfer gefallen. Solche Geschichten passten nicht in Stuttgarts schwarzen Filz.

Gerda Taros Leben scheint heute, da man Che Guevara als Popstar vermarktet, wie geschaffen für den posthumen Glanz einer in vieler Hinsicht revolutionären Frau, die sich nie einer Partei angeschlossen hat. Bei ihrer Beerdigung in Paris hielten die Dichter Louis Aragon und Pablo Neruda die Trauerreden. Gera Taros Grabmal, das später von den Nazis zerstört wurde, hatte der Bildhauer Alberto Giaccometti gestaltet. Zigtausend begleiteten den Trauerzug zum Père-Lachaise, die Fotografin wurde als Ikone des Widerstands gegen den europäischen Faschismus gefeiert. In ihrer Biografie findet man die Namen Hanns Eisler und Bert Brecht, Willy Brandt und Ernest Hemingway. Ausgerechnet Hemingway hat sie – weil sie Capa nicht treu war – eine „Hure“ genannt.

Das sie zunächst unter dem gemeinsamen Copyright Capa veröffentlicht hatte, stand sie nach ihrem Tod im Schatten ihres Partners. Dabei war es Gerda Taro, die das Markenzeichen Capa inszeniert und den fotografischen Stil des Partners geprägt hatte.

Während Gerda Taro 2007 und bis Anfang 2008 zu ihrem 70. Todestag mit der New Yorker Retrospektive als eigenständige Fotografin geehrt wurde, wusste man in ihrer Heimatstadt Stuttgart nur wenig über sie. Vergeblich suchte man eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus oder eine Straße, die – wie in Leipzig – ihren Namen trug.

Merkwürdig, diese Stuttgarter Spuren in New York, dachte ich, als ich am Fluss saß, als sich die Dinge zusammenfügten: Gerda Taro, 70 Jahren vor ihrer ersten großen Austellung gestorben, hat oft und mit Begeisterung die Weißenhofsiedlung besucht und deshalb mit Sicherheit auch Willi Baumeisters berühmtes, vor 80 Jahren geschaffenes Werkbund-Plakat gekannt. Und Irme Schaber, die Taro-Biografin, lebt und arbeitet nur ein paar Kilometer von Stuttgart entfernt, in Schorndorf.

Ich verließ ich meine Bank am Fluss. Es war Zeit, die Spur aufzunehmen. In New York hatte ich viel über die Heimat erfahren. Wo sonst.



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