Bauers Depeschen


Donnerstag, 10. Dezember 2009, 409. Depesche



BETR.: THANX



Die Nacht der Lieder, unsere Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten am Mittwoch im Schauspielhaus der Staatstheater, war ein feine kleine poetische Sache, mit über 40 Musikern, Schauspielern und Tänzern. Dank an das uns freundschaftlich verbundene Techniker-Team des Schauspiels, Dank an die Mitwirkenden Eric Gauthier & Band & Gauthier Dance, Vincent Klink & Patrick Bebelaar, Hot Club Harmonists, Stephanie Schönfeld & Sebastian Schwab vom Schauspiel, Dank an das Saxophon-Quartett um meinen persönlichen Weltmeister Bernd Konrad, an die schottische Opernsängerin Catriona Smith und an die famose Dacia Bridges und ihre Acoustic Band. Am Ende des Abends habe ich einen kleinen Text vorgetragen, ich stelle ihn als letztes Kapitel der Live-Saison 09 auf diese Seite:



Guten Abend, im Schauspielhaus!

Meine Damen und Herren, ich muss Ihnen kurz die Sache mit Eric Gauthier erzählen. Eric ist seit neun Jahren bei der Nacht der Lieder dabei, zunächst ging er als Sänger auf die Bühne. Dann, an einem sehr heißen Tag im Sommer 2006, saßen wir in einer sehr kleinen Kneipe in der Olgastraße. Wir nahmen ein paar Erfrischungsgetränke, und dann sagte ich: Eric, du musst an Weihnachten "Die Nacht der Lieder" moderieren.

Eric sagte: Du bist crazy Mann, ich bin Canadian, ich kann nicht Deutsch und bin die Moderätor einer Show.

Das ist wurscht, sagte ich. Wir können auch nicht Deutsch und sind Schreiberlinge der Stuttgarter Nachrichten.

Hier meine kurze Geschichte zur Jahreszeit:



DIE FAUST IM INNENOHR



Gott, daran habe ich keine Zweifel, ist ein Stuttgarter Sportsmann. Mag sein, dass er mit dem VfB noch eine Rechnung offen hat. Gut unterwegs ist er auf jeden Fall.

Die Läuferwege in unseren Wäldern sind auch bei miesem Wetter prächtig ausgeleuchtet, als hätte ein unsichtbares Regisseur sein Naturtheater eingerichtet. Die Stuttgarter Kickers steigen wider Erwarten nicht ab, und die kupferkesselkräftigen Töne in und über der Stadt schützen uns mental vor Schweinegrippe.

Verehrtes Publikum, das war ein langer Anlauf für das bisschen Herbst, von dem ich rede. Immer wenn die Uhren auf Winterzeit umgestellt worden sind, erinnere ich mich an den Tag, als ich zum Hauptbahnhof eilte, um auf den Herbst zu warten. Damals hatte ich lange den Fahrplan studiert, bis ich mir sicher war: Der Herbst fährt nicht aus Vaihingen/Enz, aus Waiblingen oder aus Böblingen in den Bahnhof ein. Ich erwartete ich ihn aus Paris Gare de l‘est, so viel Ehre war ich dem kupferkesselfarbenen Kerl schuldig. Und wie so oft geisterte mir dieser Vers der Vergänglichkeit aus Peter Rühmkorfs Poesie-Studie "Über das Volksvermögen" durch den Kopf: "Elke, wenn ich dich melke / bist du welke / wie eine Nelke."

Heute eile ich öfter als früher zum Hauptbahnhof. Womöglich erlebt der Bahnhof seinen letzten Winter. Ein Bahnhof unterscheidet sich von jedem anderen Bauwerk. Wie banal die flirrige Anonymität eines Flughafens, die asphaltierte Langeweile einer Autobahn.

Nur ein Hafen, so man einen hat, ruft ähnliche Gefühle wie der Bahnhof hervor.

Gute Menschen lieben ihren Bahnhof. An seinen Gleisen haben sie gelernt, was Ankunft heißt und Abschied. Was Liebe bedeutet und Verlust. Und wenn sie die Eisenbahn hören, singen sie mit Johnny Cash:

Train of love's a-comin', big black wheels a-hummin' / People waitin' at the station, happy hearts are drummin'.

Der Zug der Liebe fährt ein, große schwarze Räder donnern, Menschen warten im Bahnhof, und glückliche Herzen trommeln.



Im Herbst geht man mit einem anderen Schritt durch die Stadt. Ich gehe angespannt, als könnte ein Sturm aufkommen und mir den Hut wegblasen. Die Sache mit den Hüten in dieser Saison ist noch nicht ausdiskutiert. Ich neige aus Altersgründen dazu, einen Hut aufzusetzen, aber vermutlich verfüge ich über keinen Hutkopf und bin mit meiner Wurstbuden-Mütze der Marke Stetson besser bedient.

Ich ging durch die Stadt, es war Abend. Regen kündigte sich an, doch kein Windhauch zerrte zum Gruß an meiner Mütze. Von der Paulinenstraße Richtung Rotebühlplatz. Vorbei an den Italo-Restaurants Locanda Numero uno und Fenice. Gegenüber das deutsche Geschäftsgebäude mit dem schwäbischen Schriftzug "City Plaza". Ich zog meine Mütze in die Stirn und sagte: Lieber Gott, du bist Sportsmann, jage etwas Herbstwind von den Hügeln Richtung City Plaza. Du weißt schon, was ich meine: Rette die Architektur dieser Stadt. Und Herr Kalau ruft: City Plaza, Fortblasa! Und jetzt kommt der Sportskamerad Oberbürgermeister um die Ecke gejoggt, die Leute halten ihre Mützen fest, und der Oberbürgermeister ruft: Die Karawane bellt, der Hund zieht weiter.

Am nächsten Morgen regnete es, ich fuhr mit der Stadtbahn hinauf nach Vaihingen und schlief vor mich hin. Es war ein müder Herbsttag und langweilig, bis ich hinter Kaltental die Haltestelle Fauststraße sah. Die Faust hat man, warum auch immer, dem Dichter Goethe gewidmet, und im Halbschlaf ging mir diese Kino-Szene aus Michael Jacksons letzten Bühnenproben durch den Kopf. Michael Jackson hat ein Problem mit dem Sound der Monitorboxen auf seinen Ohrstöpseln. Die Musik, sagt Michael Jackson, schmerze ihn wie "eine Faust im Innenohr".

Poetischer kann man es nicht sagen, wenn sich Musik in Lärm verwandelt, und Mr Jackson sagt es leise, wie er von Zeit zu Zeit zu seinen Musikern und Tänzern sagt: Gott segne euch!

Es ist November und nicht so kalt, dass ich zur Ankunft des Winters auf den Bahnhof eilen müsste. Bald wird man der Bahnhof stürmen und ihm die Flügel abschneiden wie einer Weihnachtsgans. Wenn es so weit ist, werde ich mit Gott, dem Sportsmann, ein paar Meter um die Wette laufen. Ich hoffe, ich werde eine sichere Bude finden, bevor ich die Faust der letzten Probe im Innenohr spüre. Und Elke, wenn ich sie melke, wird duften wie eine Nelke, weil ihr die Lieder der Nacht die Füße wärmen.



Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten



KARTEN für die beiden Jubiläumsshows "10 Jahre Die Nacht der Lieder" am 16. und 17. Dezember 2010 im Theaterhaus gibt es bereits jetzt im Vorverkauf, und die Nachfrage ist erstaunlich. Tel: 0711 / 4020 720. (www.theaterhaus.com)





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