Bauers Depeschen


Montag, 18. August 2008, 211. Depesche



MONTAG. PUNKT MITTERNACHT.



Es ist nicht besonders klug, was die Chinesen machen: Jetzt haben sie schon 35 Goldmedaillen geholt, und wenn sie 135 hätten, würde man auch nicht lauter lachen. Die Stuttgarter Kickers haben schon dreimal hintereinander 0:2 verloren, und es ist zu befürchten, dass sich bis zum 35. Spieltag nichts ändert. Wir sind die umgekehrten Chinesen, und der Bremer Torhüter musste acht Kilogramm abspecken, dieser fliegende Fettmolch.

Damit sind die Sportnachrichten beendet, es ist schlimm, wie einen der Sport vereinnahmt, auch wenn es in meinem Fall nur Fußball ist. Neulich war ich zwei Tage in Hoffenheim, das Dorfmilieu studieren. Es gab, außer einer Dönerbude, kein geöffnetes Gasthaus. Mit Hilfe der Rathaus-Sekretärin Frau Heinlein fand ich nächtlichen Unterschlupf im Gästehaus Claudia. Das mag beim ersten Hinhören nach Puff klingen, in Wahrheit handelt es sich um eine seriöse Pension mit DSL-Anschluss. „Ich war früher Stromer“, sagte mir der Gästehaus-Claudia-Besitzer Herr Spengler. Stromer bedeutet Elektriker, und deshalb gibt es Kabel im Haus.

Was haben eigentlich die elektrischen Peking-Jamaikaner für ein feines Stöffchen, das ich nicht kenne?

Mittwochs kommt in Hoffenheim der mobile Grillhähnchenhändler, und weil mir ein Hähnen zu üppig erschien, orderte ich eine Currywurst. Eine Currywurst gab es, aber kein Brötchen und kein Getränk dazu. Da ging ich, während der Döner-Mann die Currywurst briet, zum Bäcker und holte ein Brötchen und eine Flasche Wasser. Der Currywurst-Brater strahlte, als ich zurückkam und bezahlte. Wir stießen auf die Champions League an, und dann fuhr ich mit der Eisenbahn über Heidelberg Richtung Heimat. In Heidelberg kaufte ich mir ein Zigarettenetui mit Che Guevara auf dem Metalldeckel, obwohl ich nicht mehr rauche. Ich werde das Zigarettenetui als Sparbüchse verwenden – "mein Nuttenkässchen'', wie Woody Allen sagt.

Frau Mirjam mit jott – ein etwas schroffer Übergang – hat mich gelehrt, meine Platten - CDs, die ich bei Ratzer Records in der Stuttgarter Paulinenstraße kaufe - alphabetisch zu ordnen. Ich halte mich strikt daran, und das ist ein Glück. Ich lese gerade „Winterwald“, Patrick McCabes Roman über die Abgründe und Veränderungen im modernen Irland (Berlin Verlag). In dem Buch kommt ein Musiker namens John Martyn vor, seine Songs spielen eine Art Hauptrolle in einer unglückseligen Liebesgeschichte. Die Frau, die ihren Mann mit einem Malteken betrügt, summt „It’s just that sweet little mystery that‘s here in your heart / It’s just that sweet little mystery makes me cry.“

Verdammte Scheiße, sagte ich, das kenne ich - und verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Es gibt viele Johns und Martyns, die singen. John Lennon, Martin Lauer. Als der Name aber immer wieder auftauchte, stieg ich aus dem Bett und schaute in meinem nach Anweisung von Frau Mirjam mit jott angelegten Plattenregal unter „M“ nach. Und da stand zwischen Dean Martin und The Mavericks John Martyns CD „Couldn’t Love You More“ mit „Sweet Little Mystery“ als dritte Nummer auf der Tracklist. Die Platte, voller Songwriting zum Steinerweichen, stammt aus dem Jahr 1992, sie wurde von der Minifirma Inakustik in 7801 Ballrechten-Dottingen vertrieben, und nach 1992 habe ich sie mit Sicherheit kein einziges Mal mehr gehört. Kann aber gut sein, dass ich 1992 nur drei, vier CDs besaß und mich deshalb an John Martyns CD mit den schrecklichen Babyköpfen auf dem Cover erinnerte.

„Winterwald“ wurde 2007 als „Irish Novel of the Year“ ausgezeichnet, und mich erfüllt es mit Stolz, den Soundtrack zu diesem Buch im Haus zu haben. Das ist mehr wert als 135 Goldmedaillen in der olympischen Nuttenkasse.

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- Achtung, Achtung: Flaneursalon bereits morgen, Dienstag, im Zeltcafé in Ditzingen, der politischen Wiege vom schönen Oettinger. Mit Los Gigantes, Dacia Bridges & Alex Scholpp. 20 Uhr. Siehe Termine.



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