Bauers Depeschen


Donnerstag, 31. Januar 2008, 111. Depesche

Die 111. Depesche. Schnapszahl. Faschingszeit. Heute Morgen habe ich das Gelände rund um die abgerissene Shell-Tankstelle an der Stuttgarter Paulinenbrücke abgeschritten. Die Junkies, Säufer und Obdachlosen sind endgültig weg. Nirgendwo waren sie besser aufgehoben als an der Paulinenbrücke, neben der Marienkirche für Katholiken und der Furtbachklinik für Psychopathen. Ich schreibe morgen eine Kolumne darüber und über den "Lauf gegen die Kälte": www.laufgegendiekaelte

Da marschiert der Punk-Poet Heinz Ratz von Dortmund nach Reutlingen, eine Art aufrechter Gang gegen den Lauf der Dinge, und in allen Städten gibt es eine Show mit örtlichen Helden, am 19. Februar auch in Stuttgart, mit Roland Baisch im Merlin. (Siehe auch www.stuttgarter-nachrichten.de/blog)



111. Depesche. Schnapszahl. Faschingszeit.

Diese Depesche müsste richtig lustig werden.

Ich kann „lustig“ nicht mehr hören. In Deutschland haben wir einen Lustigkeitszustand erreicht. Die Lachereinheit ist nach der deutschen Einheit die wichtigste. Nur bei Beerdigungen wird nicht gelacht. Seltsam: Wer zuletzt lacht, lacht am besten, gilt das nicht mehr?

Wir stehen lieber auf verlogene Lacher. Wer etwa „Faust“ inszeniert, tut heute gut daran, wenigstens einen Satz in Mundart vortragen zu lassen. Dann gibt es einen Lacher im Theater, dann ist es lustig und der Regisseur dem Event-Auftrag seines Arbeitgebers gerecht geworden.

Intendanten haben heute einen Event-Auftrag, im Theater wie im Museum. Man gibt es nicht zu, aber es ist so. Allemallachen.

„Uns ist ganz kannibalisch wohl / Als wie fünfhundert Säuen!“

Bei YouTube findet man das Video „Leo Bassi loves Germany“. Unbedingt anschauen. Leo Bassi, ein Kosmopolit, ist der konsequenteste gegenwärtige Komiker, den ich kenne, er spielt, wie Helge Schneider, auf einem eigenen Planeten, er ist radikaler als Helge Schneider. Bassi ist ein Entlarver, ein Logiker und hart gegen sich selbst. Er lässt sich mit Honig zuschütten und anschließend mit Federn wegblasen. Und er hat Flügel wie Engel.

Ich kann mich noch erinnern, wie Leo Bassi vor fünfundzwanzig Jahren mit einem Boxauto durch die Stuttgarter Königstraße gefahren ist, um seine nächste Show anzukündigen. Er ist nie so bekannt geworden, wie er sein müsste. Er könnte die Welt retten, wenn es Sinn hätte, die Welt zu retten. Leo Bassi gehört wie Helge Schneider zu den Göttlichen.

In besagtem YouTube-Video wird Leo Bassi von dem deutschen Comedian Dieter Nuhr angesagt. Nuhr ist einer der konservativsten Dünnbrettbohrer, die ich kenne. Aalglatt und nie komisch. Nuhr ist lange mit seiner Homepage-Adresse auf der Vorderseite seines T-Shirts aufgetreten. Es ist zu befürchten, dass diese Kostümierung nicht nur dem Kohleverdienen diente. Nuhr fand das T-Shirt auch lustig.

Man muss sich anschauen, wie Nuhr versucht, Leo Bassi auf der Live-Bühne ins Spiel zu bringen, genau: ins Spiel zu bringen. Er kann überhaupt nichts mit Leo Bassi anfangen. Wie auch. Leo Bassi ist komisch. Weil Nuhr das nicht begreift, versucht er, Bassi „lustig“ anzusagen. Nuhr grinst blöd und sagt, Leo Bassi mache „Event-Comedy“. Event-Comedy. Dümmer geht es nicht.

Als Leo Bassi seine grandiose Performance über den Wurst-Zustand der Deutschen und den Spaghetti-Zustand der Italiener beendet hat, grinst Nuhr wieder blöd. Er weiß nicht, was er sagen soll. Dabei wäre es ganz einfach gewesen: „Verehrtes Publikum“, hätte er sagen sollen, „gerade habe ich gesehen, was komisch ist. Hiermit gelobe ich, meinen Beruf als Komiker aufzugeben.“

Das Publikum hätte sich ganz kannibalisch wohl gefühlt, wohler als fünfhundert Säue. „Kontakt


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