Bauers Depeschen


Freitag, 31. August 2007, 61. Depesche



Wendelin Niedlich, Stuttgarts berühmtester Buchhändler, feiert heute seinen 80. Geburtstag, allerdings nicht im Café Weiß, in dem die folgende Geschichte spielt:



NIEDLICH & PROUST



Ich habe Heinz Weiß gefragt, ob er sich erinnern könne, wann er sich zum letzten Mal gewundert hat. Er konnte es mir nicht sagen.

Seit über 70 Jahren lebt er in Stuttgart, seit 45 Jahren steht er hinterm selben Tresen, und seit 45 Jahren sitzt er auf der VfB-Tribüne. Was sollte ihn noch umhauen.

Entscheidendes hat sich nicht verändert in all den Jahren. Früher, sagt er, hätten in seiner Bar mehr Damen als heute auf Jungs gewartet und auch Jungs auf Jungs. Aber früher, sagt Heinz, hätten die Stürmer des VfB auch noch ins Tor getroffen.

Heute, an einem Dienstagabend, sitzt Wendelin Niedlich bei Heinz Weiß am Stammtisch. Niedlich sitzt auch mittwochs, donnerstags und freitags am Stammtisch und allen anderen Tage, die eine Woche freiwillig hergibt.

Dennoch gibt es besondere Tage im Cafe Weiß. Regelmäßig verwandelt sich die Kneipe in der Geißstraße in einen literarischen Salon. Dann lesen Schauspieler aus Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Wendelin Niedlich, der berühmteste Buchhändler weit und breit, hat den Lese-Marathon angestiftet.

Das Café Weiß ist eine der letzten Instanzen der längst verblassten Stuttgarter Rotlicht-Ära. Man könnte viel erzählen. Über die Liebe, die Luden, die Laster. Aber wozu. Die Einschusslöcher in den Wänden der Bar sind mittlerweile zugegipst.

Alles ist ruhig. Wendelin Niedlich sitzt im Café Weiß und bereitet sich seit Jahren auf seinen achtzigsten Geburtstag vor. Er bereitet sich auf seinen Geburtstag vor, indem er sagt, er interessiere sich nicht für Geburtstage und für seinen eigenen schon gar nicht.

Niedlich behauptet, er habe keinen Geburtstag. Vielleicht ist er gleichzeitig an verschiedenen Tagen in verschiedenen Jahren zur Welt gekommen, oder er war einfach nur sehr lange unterwegs. Noch heute ist er ein guter Läufer.

Eines Tages im neuen Jahrtausend hat Heinz Weiß einen merkwürdigen Brief von der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte erhalten. Die Gema rechnet Tantiemen ab. Manche Musiker werden durch die Gema reich, andere verhungern dank der Gema etwas später.

Heinz Weiß, der eine alte Musikbox mit Rock 'n' Roll und den Chansons von Edith Piaf bespielt, empfing eine Rechnung über 171 Mark und 67 Pfennig, allerdings war das Schreiben nicht an ihn selbst gerichtet. Die Botschaft war, so stand es auf dem Umschlag, an den „Lizenznehmer“' andressiert, an einen Herrn mit französisch klingendem Namen.

Heinz, der sich nicht mehr wundert, rief bei der Gema-Bezirksdirektion Stuttgart an und sagte, falls die Herrschaften bei besagtem Lizenznehmer Geld eintreiben wollten, müssten sie sich schon auf den Friedhof bemühen. Soweit er wisse, sei der Herr schon seit ein paar Tagen tot, wahrscheinlich mausetot. Danach warf Heinz Weiß das Schreiben weg.

Dort wäre es verschwunden, hätte nicht der von Geburt auf neugierige Buchhändler Wendelin Niedlich in der Bar gesessen. Niedlich sagte, Heinz habe den Schrieb umgehend aus dem Abfall zu fischen. Falls nicht, werde er das Lokal boykottieren.

Weil sich Heinz, wie gesagt, nicht mehr wundert, schenkte er Niedlich noch eine Schorle weißsauer ein und suchte nach dem Gema-Brief. Er fand ihn im Mülleimer. Heinz hat nie etwas verloren, außer der Zeit.

Das Schreiben, so stellte sich bei näheren Untersuchungen heraus, war an den Herrn Lizenznehmer Marcel Proust im Café Weiß gerichtet.

Kaum hatte der Proust-Verehrer Niedlich den mysteriösen Vorgang realisiert, nahm er einen Schluck Schorle weißsauer und begann zu triumphieren, so weit man Niedlich Gebärden des Triumphes zugestehen mag. Jedenfalls grinste er in sich hinein, es war das Lächeln der Überlegenheit.

Es gab nur eine Erklärung für den Brief: Marcel Proust war auferstanden. Wahrscheinlich hatte er lange im Keller der Bar geruht. Proust, das weiß man, liebte dunkle Räume. Die Literaturwissenschaft kennt den Dichter als Snob und Salondenker, der, wie einst viele Gäste von Heinz Weiß, eher die Herren als die Damen liebte. Zwei Bände seiner siebenteiligen „Suche nach der verlorenen Zeit“ hat er „Sodom und Gomorrha“ genannt. Und wer Sodom und Gomorrha kennt, das weiß man in dieser Stadt, sitzt normalerweise im Café Weiß.

Proust war da.

Sie wollen die Wahrheit wissen, bitte: Die Wahrheit ist immer nur EINE Wahrheit. Niedlich hatte lange vor dem Eintreffen des Gema-Schriebs an der Eingangstür des Cafe Weiß ein Stück Pappe genommen und an die Tür gehängt, um im großen Stil für seine Lesereihe zu werben. Auf der Pappe stand: „Marcel Proust, Geißstraße 16“.

Ein Tantiemen-Detektiv der Gema hat daraufhin akuten Handlungsbedarf gewittert. Nach offizieller Auskunft der Gema, die ich später einholte, handelte es sich um einen ''Eingabefehler''. Wahrscheinlich um einen göttlichen.

Für Sie, meine Damen und Herren, und für die Akten: Marcel Proust wäre im Jahr seines Gema-Vergehens exakt 130 Jahre alt geworden. Heinz Weiß war damals 65. Niedlich wollte mir nicht sagen, wie alt er war. Niedlich sagte, Marcel Proust werde ihn voraussichtlich überleben.



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